Ey Mann, wo is‘ mein Auto?

Ein Stadt ohne Autos – nur reine Utopie oder doch ein realistisches Szenario?

Wäre dies ein Podcast, so würde ich euch bitten kurz die Augen zu schließen und mich auf eine Reise in eine unbekannte Welt zu begleiten. Da es sich hierbei aber um einen Blog handelt und es wissenschaftlich erwiesen ist, dass es sich mit offenen Augen leichter liest, bitte ich euch mir in diese Fiktion mit offenen Augen zu folgen. Stellt euch bitte das folgende Szenario mit Hilfe eures bildlichen Auges vor. Es ist ein lauer Sommerabend, ihr seid nach Feierabend auf dem Weg eure Freunde zu treffen und die Sonne färbt den Horizont bereits tiefrot. Ihr schwingt euch auf das Fahrrad um zum Treffpunkt am Sendlinger Tor in München zu gelangen, um noch etwas die frische Luft und die Ruhe dort zu genießen. Spätestens hier sollten dem oder der Ersten Zweifel an der Geschichte aufkommen. Ruhe und frische Luft am Sendlinger Tor genießen? Befindet sich dort nicht gerade nach Feierabend eine der meistbefahrenen Straßen des Münchner Zentrums? Alles richtig und doch falsch. Denn wir befinden uns nicht im München des Jahres 2018, sondern in einer Utopie. Der autofreien Stadt.

Der Klimawandel ist real

Die vergangene Dekade der Jahre 2000 bis 2009 war das wärmste Jahrzehnt seit langem. Die Häufigkeit von Temperaturextremen steigt und alle Temperaturrekorde der letzten Jahrhunderte traten nach dem Jahr 2000 auf. Die mindestens ebenso relevanten Ozeantemperaturen steigen kontinuierlich, während die weltweiten Permafrostgebiete schrumpfen. Unsere Gletscher verlieren seit Jahrzehnten an Masse, weil die Oberflächentemperatur auf der Erde deutlich gestiegen ist. Mit anderen Worten: der Klimawandel ist real.

Das Auto und der Individualverkehr mit Verbrennungsmotor sind sicherlich einer der Hauptgründe und Verursacher des Klimawandels, wenn auch nicht der einzige Grund. Allerdings sind die Gesundheitsschäden für den Menschen bereits heute real. Nach einer Studie der Organisation Environmental Health Analytics sterben jährlich weltweit 107.000 Menschen durch Dieseabgase, 38.000 davon wegen nicht eingehaltener aber von den Automarken angegebener Abgaswerte. Allein in der Europäischen Union sterben 11.400 Menschen, weil die Autos in Wirklichkeit mehr Abgase ausstoßen als erlaubt. Damit fallen auch in Deutschland mehr Menschen den Autoabgasen zum Opfer, als bei Autounfällen sterben. Neben der Luftverschmutzung führt der Stadtverkehr auch zu Lärm und damit verbundenen Schlafstörungen der Anwohner. Wer täglich im Berufsverkehr im Stau steht kann sicherlich auch von erhöhten Stresspegeln berichten. Warum also nicht unsere Städte autofrei gestalten?

In seiner Bergpredigt warnte Jesus vor den Wölfen im Schafspelz

All diese Probleme sollten uns vor Augen führen, dass es mit kleinen Korrekturen keine weitreichenden und erfolgreichen Veränderungen geben wird. Es reicht leider nicht den Drecksschleudern in der Marketingabteilung so griffige Namen wie BlueTec oder EfficientDynamics zu geben. Emmissionen bleiben Emmisionen und sind schädlich, egal wie diese heißen. In seiner Bergpredigt warnte Jesus vor den Wölfen im Schafspelz: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig sind sie aber die reißenden Wölfe“ (Mt 7,15) Wenn wir gerade von Wölfen sprechen, Volkswagen hat übrigens im Jahr 2017 seinen Nettogewinn verdoppelt und damit ein Rekordergebnis erzielt. Ehrlichkeit zahlt sich eben aus.

Der Virus Auto hat uns alle befallen!

Wir brauchen keine kleinen Veränderungen, sondern eine Revolution des Verkehrs! Die Zeit des umwelt- und gesundheitsschädlichen Individualverkehrs ist vorbei. Dafür braucht es den Mut und den Willen zur Veränderung jedes Einzelnen, denn der Virus Auto hat uns fast alle befallen. Laut Hermann Knoflacher, Verkehrsexperte der TU Wien, hat der Virus Auto sogar „unseren Verhaltenskodex, unser Wertesystem und die Wahrnehmung total umgekehrt“. Denn jeder kennt die Konsequenz seines Handelns, doch kaum jemand hinterfrage die Berechtigung. Ein erster Schritt wäre laut Knoflacher, die strikte Trennung von Auto- und Fußgängerzonen in der Stadt um Nicht-Autofahrern nicht ständig vorzuschreiben wo diese die Straße zu überqueren haben und wo nicht. Ich als Autor möchte hierbei betonen, dass es mir keinesfalls um die grundsätzliche Abschaffung des Autos oder des Individualverkehrs geht. In diesem Szenario handelt es sich lediglich um urbane Ballungszentren und Großstädte die aufgrund ihrer Infrastruktur den Wandel zur autofreien Stadt bewältigen können und aufgrund der Belastungen für Mensch und Natur auch langfristig müssen.

Wie könnten diese Städte aussehen fragt ihr euch?

Begeben wir uns also wieder gemeinsam auf unsere bereits begonnene Reise in die autofreie Stadt. Wie könnten diese Städte aussehen fragt ihr euch? Straßen werden einspurig zusammengeführt um Wege für Polizeikräfte und Rettungswägen frei zu halten und mit Genehmigung beispielsweise Handwerkern den Weg zu ebnen. Aspahlt- und Betonwüsten gehören der Vergangenheit an. Innerstädtische Parkflächen entstehen dort wo heute Parkplätze und mehrspurige Straßen das Stadtbild prägen. Anstelle von Tiefgaragen und Parkhäusern entsteht  längst überfälliger sozialer Wohnraum. Menschen bewegen sich wieder frei und ohne Angst vor gesundheitsschädlichen Abgasen wie Stickoxiden und Feinstaub. Auf gepflasterten Wegen spielen Kinder, beobachtet von ihren sorgenfreien Eltern. Pendler kommen mit dem Auto bis an die Stadtgrenze und steigen dann auf stark ausgeweiteten und kundenfreundlichen Nahverkehr um. Laut einer Studie des Bundesumweltministeriums überschreiten 50% aller Autostrecken nicht die Länge von sechs Kilometern. Eine Distanz die problemlos mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt werden kann. Auch ich gerate gerne in Rage wenn es um den öffentlichen Nahverkehr in deutschen Großstädten geht. Trotzdem muss festgehalten werden, dass dieser im internationalen Vergleich keine Schande ist und beruhend auf eigener Erfahrung definitv ausreicht um ohne Auto in der Stadt mobil zu sein.

All dies sei eine nie zu ereichende Utopie? Ein Hirngespenst? Eine Spinnerei eines jungen Mannes? Vielleicht alles richtig, und doch begann bereits im Jahr 2008 der Bau einer autofreien, CO2-neutralen und abfallarmen Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, welche in Zukunft 50.000 Menschen beherbergen soll. Wir können nicht einfach immer so weiter machen wenn uns die Gesundheit unserer Selbst sowie der kommenden Generationen wichtig ist. Jede Revolution hat irgendwo ihren Anfang. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.