Zu Besuch beim St.Pauli Spaniens

Dass der moderne Fussball so steril ist wie eine Neubausiedlung in München-Hirschgarten ist längst ein Gemeinplatz. Die Politik wird aus dem Fussball weitestgehend rausgehalten. Das zeigt sich nicht zuletzt an den kommenden WM-Austragungsorten Russland und Katar oder auch am FC Bayern, der regelmäßig seine Trainingslager in dem neo-feudalen Wüstenstaat abhält. Sicherlich gibt es Ausnahmen, wenn – wie vor kurzem in der Allianz Arena – einzelne Ultragruppen Stellung zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen beziehen. Und natürlich gibt es den FC St.Pauli, der gewissermaßen den Prototyp des politisierten Fussballklubs repräsentiert.

Auch hier in Spanien gibt es einen Klub, der gesellschaftspolitisches Engagment als Teil seiner Vereins-DNA trägt: der Zweitligist Rayo Vallecano. Für viele ist Rayo das St.Pauli Spaniens, da auch seine Fanschaft sich offen links positioniert. Vallecas ist ein traditionelles Arbeiterviertel im Südwesten Madrids, wo die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch ist. Touristen verschlägt es selten hier hin, Sehenswürdigkeiten gibt es, mit Ausnahme des Rayo Vallecano, keine. Dennoch schafft es dieser klassische Fahrstuhlklub immer wieder, auch über die Stadtgrenzen von Madrid hinaus, für Schlagzeilen zu sorgen. Als 2014 einer 85-jährigen Nachbarin und längjährigen Anhängerin von Rayo nach einer Zwangsräumung die Obdachlosigkeit drohte, entschied der Klub kurzerhand ihr die Miete zu finanzieren. Eine berührende Geste in dem von Finanz- und Wirtschaftskrise geschüttelten Land, in dem viele Menschen aufgrund von Zwangsräumungen ihr Heim verloren haben.

LGBTQI-Fahnen im Ultrablock

Das Stadion von Rayo Vallecano trägt -in aller Bescheidenheit- den Namen „Fussballplatz von Vallecas“ und befindet sich mitten im Wohngebiet. Der massive Betonbau fügt sich nahtlos in die Szenerie des Viertels ein, das vornehmlich aus schmucklosen Wohnblocks besteht. Vor dem Eingang ist ein etwa 10 Meter langes Transparent aufgehängt, das sich über Cristina Cifuentes, Präsidentin der Regionalregierung der Autonomen Gemeinschaft Madrid und Vorsitzende der konservativen Regierungspartei Partido Popular, lustig macht. Diese steht derzeit heftig in der Kritik, da ihr vorgeworfen wird, bei ihrem Masterabschluss betrogen zu haben. Auch im Stadion finden sich zahlreiche politische Statements. So ist in der Ultrakurve ein Graffito des linken Kampfspruchs „Hasta la victoria siempre“ zu sehen und vereinzelt wehen republikanische Fahnen – nicht unproblematisch im monarchistischen Spanien. Viele Fans tragen das Ausweichtrikot von Rayo, das teilweise in den Regenbogenfarben der LGBTQI-Community gehalten ist.

Genauso karg wie von außen wirkt das „Campo de Fútbol de Vallecas“ auch von innen. Kein W-Lan, keine Stadionkarte und keine Selfiesticks. Essen und Getränke bringen die meisten von zuhause mit. Besonders beliebt sind Pipas, geröstete Sonnenblumenkerne, die man mit den Zähnen aufknackt und deren Schale man anschließend auf den Boden wirft, bis dieser komplett von Pipa-Resten gesäumt ist. Schnell lerne ich meine Sitzplatznachbarn kennen. Da ist zum einen ein etwa 50-Jähriger Mann mit langem Pferdeschwanz, der den Eindruck macht, als hätte er sein gesamtes Leben kettenrauchend auf genau diesem Platz verbracht. Als ich ihm von meinen Pipas anbiete, lehnt er dankend ab. Er wolle kein „Comepipas“ sein, ein Sonnenblumenkernefutterer, also ein Zuschauer, der lieber an seinen Sonnenblumenkernen knabbert als seine Mannschaft mit aller Kraft anzufeuern. Dies sei hier verpönt, erklärt er. Stattdessen erzählt er mir, dass Bebé – Aussenstürmer von Rayo, der einst immerhin 7 Spiele für Manchester United absolvierte – neulich bei einem missglückten Torabschluss ein Fenster im gegenüberliegenden Wohnhaus einschoss. Und dann ist da noch der etwa 13-Jährige Junge der von vielen erwachsenen Fans im Block mit einem respektvollen Handschlag begrüßt wird. Die folgenden 90 Minuten lassen erahnen, warum der Junge hier im Block wohl so etwas wie einen Kultstatus genießt. Von der ersten Minute bis zum Schlusspfiff gönnt er sich keine Pause, singt, klatscht, brüllt, jubelt und flucht wie Werner Lorant zu seinen besten Zeiten, bis ihm etwa in der 80 Minute die Stimme komplett zu versagen scheint. Als die gegnerische Mannschaft den 1:1 Ausgleichstreffer erzielt, schießen ihm Tränen der Verzweiflung in die Augen und er gerät derart in Rage, dass er von seinem Vater beruhigt werden muss.

Am Ende ist es ein typisches Zweitligaspiel: Viel Kampf und noch mehr Krampf. Fußballerische Highlights gibt es kaum. Dennoch bleibt nach dem Ausflug nach Vallecas das Gefühl, Teil von etwas Besonderem gewesen zu sein, dass es hier um mehr geht als um sportlichen Erfolg und die Selbstdarstellung der Spieler, sonder um die Gemeinschaft im Viertel und die geteilte Leidenschaft für den Fußball.