„Also ich hab noch keinen einzigen Sklaven in Katar g’sehn“

Von der Farce des unpolitischen Sports

Die Deutsche Fußballnationalmannschaft vertritt und verkörpert die deutsche Bevölkerung wohl in so  manchem Aspekt mehr als die aktuelle Bundesregierung. Während Deutschland im Jahr 2018 mulitkulturell geprägt ist und viele deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund beherbergt, sitzt im Kabinett der aktuellen Regierung nicht ein einziger Minister beziehungsweise Ministerin mit Migrationshintergrund. Mitunter die erfolgreichsten Spieler der Nationalmannschaft haben einen türkischen Familienhintergrund und eine deutsche Staatsbürgerschaft.

Ein grobes Foul

Als sich am vergangenen Wochenende die in der englischen Premier League spielenden Akteure Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten ließen, war der Aufschrei in der deutschen Bevölkerung sowie der deutschen Politik- und Medienlandschaft groß. Cem Özdemir, langjähriger Bundesvorsitzende der Grünen erzürnte sich, ob der Aktion der Nationalspieler. „Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag“, sagte Özdemir. Die stellvertretende Linksfraktionschefin Sevim Dagdelen sprach gar von einem „groben Foul“ wenn deutsche Nationalspieler mit dem türkischen Staatspräsidenten posieren und ihn sogar hofieren „während in der Türkei Demokraten verfolgt und kritische Journalisten inhaftiert werden“. Selbst DFB-Präsident Rainhard Grindel sprach davon, dass sich Özil und Gündogan „für Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen“ und der Fußball sowie der DFB für Werte stehe, welche Erdogan nicht hinreichend beachtet.

Während die kritschen Stimmen immer lauter wurden, meldete sich auch DFB-Teammanger Oliver Bierhoff zu Wort und sprach davon, dass die Spieler sich der Symbolik des Fotos wohl nicht bewusst waren. Auch Gündogan selbst nahm zu den Vorwürfen rasch Stellung. Der Spieler von Manchester City sprach von einer „Geste der Höflichkeit gegenüber dem Amt des Präsidenten sowie unseren türkischen Wurzeln“. Es sei auch nicht die Absicht gewesen mit dem Bild „ein politisches Statement abzugeben“. Insbesondere die letzte Aussage zeigt relativ deutlich was größtenteils im Fußball in Bezug auf Politik falsch läuft. Grundsätzlich ist das Posen mit einem Despoten, welcher politische Feinde sowie Journalisten ohne Gerichtsverfahren sowie anhand von Anklagepunkten welche jeglicher Grundlage entbehren einsperren lässt, absolut verabscheuungswürdig. Einem Staatspräsidenten mit diktatorischen Zügen damit auch noch die gewollte Propaganda und Wahlkampfunterstützung zu bieten, muss seitens des Deutschen Fußball Bundes sanktioniert werden. Eine Geste der Höflichkeit ist ein Handschlag oder eine Begrüßung. Sicherlich zählt das überreichen eines Trikots, bei einem eigens dafür einbestellten Treffen, mit der Aufschrift „Mit großem Respekt für meinen Präsidenten“ nicht dazu. Dies ist, entgegen der blödsinnigen Behauptung Gündogans, ein klares politisches Statement. Man stelle sich die gleiche Szene mit Manuel Neuer vor, wie er Alexander Gauland ein Trikot mit der Aufschrift „Mit großem Respekt für meinen Bundestagsabgeordneten“ überreicht. Die wenigsten würden dies wohl als reine „Geste der Höflichkeit“ titulieren. Dies zeigt nur deutlich die Problematik des Fußballs auf. Der Sport und insbesondere der Fußball ist eben, nicht wie oftmals anderweitig behauptet, doch politisch. Wie könnte er dies auch nicht sein? Milliarden Menschen auf dem Globus verfolgen Fußball und die Spieler sind Vorbilder für Kinder und Jugendliche weltweit. Die Statements und Instagramposts ihrer Stars zählen für die Heranwachsenden mehr als die Aussagen irgendwelcher Politiker. Wenn sich also nun ein deutscher Nationalspieler mit dem menschenrechtsverletzenden Staatspräsidenten der Türkei ablichten lässt, sagt er damit auch: „Ach komm, die paar eingesperrten Journalisten und politischen Feinde sind doch nicht so schlimm. Ist doch ein höflicher Despot.“ Wer sich dieser Logik als deutscher Nationalspieler entzieht ist entweder wahlweise ein Lügner, wenn er den Sachverhalt versteht aber leugnet, oder einfach nur zu dumm um die Tragweite zu begreifen. Ein solches Foto und ein solcher Termin ist immer ein politisches Statement und sagt zumindest aus, dass die Sportler die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei dulden, wenn nicht sogar die repressive Politk Erdogans unterstützen. Es geht dabei auch keinesfalls darum, Spielern mit Migrationshintergrund eine Verbundenheit mit der Heimat ihrer Eltern abzusprechen. In diesem Falle, würden die Spieler den Rechtspopulisten der AfD und ihren rechtsextremen Hasstiraden zum Fraß vorgeworfen. Selbstverständlich kann ein deutscher Nationalspieler seine Verbundenheit mit seinen türkischen Wurzeln auch öffentlich zum Ausdruck bringen. Ein Foto mit Geschenkübergabe für einen autokratischen Herrscher mit totalitärem Machtanspruch ist ein Schlag ins Gesicht für alle inhaftierten Journalisten und Demokraten in der Türkei. Wie wäre es den stattdessen mit einem Foto mit dem Journalisten Deniz Yücel gewesen? Dies wäre sowohl eine Geste der Heimatverbundenheit, als auch eine klare Positionierung für demokratische Werte und Menschenrechte gewesen.

Keine Sklaven gesehen

Der Fußball, insbesondere Großvereine und der DFB, wollen ihre politische Strahlkraft immer wieder herunterspielen. Rassismus und Gleichberechtigungskampagnen sind schön und gut. Aber zur Weltmeisterschaft nach Russland, einem Land in dem politische Feinde und Journalisten auf offener Straße erschossen werden und pseudo-demokratische Wahlen durchgeführt werden sowie Homosexuelle alltäglichem Hass ausgesetzt sind, tritt der DFB gerne an. Die Situation in Katar, Ausrichter der Weltmeisterschaft 2022, nimmt der DFB „besorgt zur Kenntnis“. Besorgt zur Kenntnis nehme ich den achten Tequila-Shot meines besten Freundes, aber bei der Verletzung von Menschenrechten und Sklaverei darf es schon ein wenig mehr sein. Allerdings hat  Franz Beckenbauer die Lage umgehend geprüft und in Katar „keine Sklaven gesehen“. Die Welt darf beruhigt aufatmen. Was für ein Zeichen wäre es, würden der DFB und andere große Verbände ihre Teilnahme verweigern oder zumindest öffentlichkeitswirksam an die Bedingung der lückenlosen Aufklärung knüpfen. Wer so etwas für realistisch hält, glaubt wohl auch, dass die betrügerischen Banker der Finanzkrise oder Martin Winterkorn für den Dieselskandal ins Gefängnis wandern, beziehunsgweise alternativ an den Weihnachtsmann. Hierbei erscheint es natürlich als reine Heuchelei, wenn der DFB-Präsident das Verhalten der Nationalspieler kritisiert und selbst aber nichts konkretes unternimmt und auch davor zurückschreckt selbst klare Positionen zu beziehen wenn es um eine Teilnahme der Nationalmannschaft bei erwähnten Großereignissen geht.

Ein Verhalten, welches gar nicht genug gelobt werden kann und höchsten Respekt verdient.

Dabei ist es keinesfalls so, dass der Sport grundsätzlich immer unpolitisch bleibt. Die besten Beispiele für das exakte Gegenteil ereigneten sich in den USA. Bei den olympischen Spielen 1968 reckten die Sprinter Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerzeremonie die rechte Faust gen Himmel. Eine Geste für Bürgerrechte und gegen Rassismus in ihrem Heimatland. Muhammad Ali verweigerte den Wehrdienst und verlor deshalb sogar seinen Weltmeistertitel. Ali sagte damals „Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen“. Erst vor kurzem gab es Proteste gegen Rassismus in der NFL, als vornehmlich afro-amerikanische Spieler während der Nationalhymne auf die Knie gingen und daraufhin von US-Präsident Donald Trump als „Hurensöhne“ beschimpft wurden. Als die Golden State Warriors 2017 den Titel der NBA gewannen, weigerte sich ihr bester Spieler Stephen Curry die obligatorische Einladung ins weiße Haus zu Präsident Trump anzunehmen. Scheinbar haben diese Sportler ihre enorme Strahlkraft und ihren Einfluß in der Öffentlichkeit verstanden und nutzen diese um politsche Positionen zu beziehen, welche Ihnen sogar persönlich schaden. Ein Verhalten, welches gar nicht genug gelobt werden kann und höchsten Respekt verdient. Auch in Deutschland gibt es mit dem Zweitligisten FC St.Pauli ein herausragendes Vorbild, wie der Sport authentisch für gesellschaftliche und demokratische Werte einstehen kann.

Gute Beispiele gibt es also zur Genüge. Es wird Zeit, dass sich der DFB und seine Spieler ihrer Wirkung in der Öffentlichkeit bewusst werden und diese für die richtigen Zwecke einsetzen. Vielleicht auch wenn es kurzfristigen persönlichen Schaden bedeutet. Das Posing mit einem Menschenrechtsverletzer zählt eher nicht als richtiger Zweck. Die Drohung einer Nicht-Teilnahme des Weltmeisters an einer Weltmeisterschaft hätte sicherlich mehr Wirkung als „besorgte Kenntnis“. Vielleicht fragt Rainer Grindel auch einfach beim Vorstandsvorsitzendes des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge an. Der FC Bayern testet jeden Winter die Menschenrechtslage in Katar auf Herz und Nieren. Welch ein glücklicher Zufall.