Wer stürzt endlich König Fußball?

Von der deutschen Sportlandschaft, welche eigentlich keine ist

Im Frühjahr geht es in Nordamerika Schlag auf Schlag. Fast alle Regionen der beiden Länder USA und Kanada sind angesteckt vom Fieber. Gespräche in den Büros in New York, Chicago oder Toronto, aber auch in den entlegensten Regionen von Arizona, South Carolina oder Sasketchawan, kennen meist nur ein Thema: Sport. Nachdem im Februar der Super Bowl im American Football mit einer gigantischen Inszenierung die Saison beendet, stehen im Basketball und im Eishockey die Playoffs an. Gleichzeitig startet mit der MLS die Regular Season im Fußball und die Baseball Profis schlagen fast im Tagesrythmus Homeruns. Motorsport wie die Formel 1 oder Nascar, Boxen, Tennis oder Golf begeistern Tausende in den Arenen und Millionen vor den Fernsehgeräten. Insbesondere seit dem ich selbst in Kanada lebe wird mir Eines noch bewusster klar. Während in Deutschland König Fußball regiert und maximal in Süddeutschland im Winter ein wenig Skibegeisterung ausbricht und im Norden der Handball erfolgreich ist, kann die USA und Kanada als Eldorado für Sportfans bezeichnet werden. Mindestens vier große Sportarten co-existieren äußerst erfolgreich nebeneinander. American Football, Basketball, Baseball, und Eishockey begeistern fast gleichermaßen die Massen. Jede Großstadt hat mindestens ein erfolgreiches Team in diesen Sportarten und die Medienberichterstattung sowie Sponsorengelder verteilen sich gleichermaßen auf die Wettbewerbe.

Eine selbsterfüllende Prophezeiung

In Deutschland liegt der Fokus fast ausschließlich auf dem Fußball. Sowohl in der Medienpräsenz als auch den Zuschauereinnahmen, Sponsoringgeldern und Gehältern der Sportler kann außer ein paar individuellen Ausnahmen kein Sport auch nur ansatzweise dem runden Leder das Wasser reichen. Im ZDF sind die drei meistgesehenen Sendungen 2017 Fußballspiele und auch bei RTL und der ARD bestimmt der Fußball die Top 3. Besonders bei den öffentlich-rechtlichen Sendern fehlt mir jegliches Verständnis für die extreme Fokussierung auf den Fußball. Während deutsche Beteiligungen bei Grand-Slam Turnieren im Tennis oder das Finale von Weltmeisterschaften im Volleyball mit deutscher Beteiligung im frei empfangbaren Fernsehen nicht zu sehen sind, zahlte das ZDF mit gebührenfinanzierten Geldern 54 Millionen Euro jährlich für die Rechte der Champions League Übertragung im Fußball. Wohl gemerkt, obwohl auch private Anbieter ihr Angebot abgegeben hatten und die frei empfangbare Übertragung somit gesichert gewesen wäre. Bei Privatsendern ist die Einschaltquote als reine Entscheidungsgrundlage nachvollziehbar, aber die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Programmauftrag. Augenmerk sollte nicht darauf liegen einen Sport der ohnehin bereits erfolgreich ist noch größer zu machen, sondern Randsportarten eine Chance zu geben die Massen zu begeistern. Die Programmdirektoren von ARD und ZDF weißen meistens auf die durchschnittlichen Sendezeiten der anderen Sportarten hin, die eine gerechte Verteilung von Sendeminuten vermuten lassen. Der Tübinger Sportsoziologe Helmut Diegl entgegnet hier, dass diese Sportarten zumeist auf Sendeterminen stattfinden welche „völlig irrelevant sind“. Der Fußball hingegen erhält die besten Sendeplätze, „hat daher auch die besten Quoten. Und wenn Quote gleichsam als demokratische Abstimmung verstanden wird, dann hat er das Spiel gewonnen.“ Dann habe man es, nach dem Ehrenpräsidenten des Deutschen Leichtathletikverband, mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu tun.

Welch eine Schande 

Gleichzeitig steigen aufgrund der extremen Medienpräsenz Sponsorengelder, TV-Einnahmen und Gehälter der Fußballprofis in schwindelerregende Höhen. Unter den 15 meistverdienenden Sportlern in Deutschland sind zehn Fußballer. Während Bundesligaprofis Millionengehälter einstreichen, müssen andere deutsche Spizensportler mit deutlich weniger auskommen. Ein Studie des Bundesinstitut für Sportwissenschaft beziffert das durchschnittliche Monatseinkommen eines Spitzensportlers in Deutschland auf 1919€ brutto. Hierzu zählen sogar noch die finanzielle Unterstützung der Eltern sowie die Einkünfte aus Nebentätigkeiten. Welch eine Schande für eines der reichsten und sportlich erfolgreichsten Länder der Welt. Sandro Wagner, Fußballstürmer des FC Bayern München, ist übrigens der Meinung, dass selbst 12 Millionen Euro zu wenig Jahresgehalt für einen Fußballprofi sind. Dies sei aufgrund der enormen Entbehrungen welche die Spieler zu beklagen haben. Die Aussage ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Schwimmprofi der täglich nur aus Leidenschaft für seinen Sport stundenlang für Olympia trainiert oder einen Feldhockeyprofi der während einer Profikarriere ein Studium absolviert sowie einer Nebentätigkeit nachgeht. Moritz Fürste, seines Zeichens Welthockeyspieler, Olympiasieger sowie Welt- und Europameister, nahm genau dies auf sich. Fürste kritisierte Angela Merkel vor Kurzem für ihr Erscheinen bei der Deutschen Fußball Nationalmannschaft im Trainingslager in Österreich. Während die Fußballer einen regelmäßigen Besuch Wert sind, ließ sich die Bundeskanzlerin bei Olympia nicht sehen. Laut Fürste schafft die Politk keine Bedingungen für den Leistungssport um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Aufgrund dieser stiefmütterlichen Behandlung befindet sich Deutschland sportlich gesehen auf einem absteigenden Ast. Der Hockeyspieler, welcher gerade erst seine aktive Karriere beendete, setzt sich bereits seit vielen Jahren für eine gerechtere und ausgewogenere Berichterstattung und Beachtung von Sportarten in Deutschland ein.

Welche Botschaft vermitteln wir Kindern und Jugendlichen wenn der Dschungelkönig in Deutschland mehr verdient als ein Olympiasieger?

Insbesondere die Politik und die deutsche Medienlandschaft, respektive die öffentlich-rechtlichen Sender, sind gefragt wenn es um eine ausgewogenere Sportlandschaft in Deutschland geht. Ein eigenes Sportministerium würde den Stellenwert des Sport sicherlich mehr Ausdruck verleihen. Sport verbindet Menschen über alle Alterklassen, Geschlechter, sexuelle Orientierungen, Religionen und deren Herkunft hinweg. Dabei hält der Sport nicht nur gesund, sondern lehrt besonders Kindern und Jugendlichen wichtige Werte für das spätere Leben. Harte Arbeit und Disiplin machen Erfolg aus. Respekt für den Gegner und aufrichtiges Benehmen auch in der Niederlage sind Grundprinzipien. Im Teamsport lernen Kinder früh was es heißt, sich für Schwächere einzusetzen und im Team einen eigenen Beitrag zum Mannschaftserfolg zu leisten. All das soll, kann und will nicht nur der Fußball leisten. Der ehemalige deutsche Weltklasseschwimmer Markus Diebler schrieb nach Olympia 2012 in London auf facebook „In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20.000 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150.000 Euro, sollte sich niemand über fehlende Medaillen wundern“. Welche Botschaft vermitteln wir Kindern und Jugendlichen wenn der Dschungelkönig in Deutschland mehr verdient als ein Olympiasieger?

Wenn der freie Markt die Sportlandschaft nicht abwechslungsreich gestalten kann, müssen Regulierungen dabei helfen. Diese können politisch auferlegt sein, wie eine massive Ausweitung der deutschen Sporthilfe. Bisher ist diese weder von Staat noch Bund unterstützt. Allerdings sind auch die Verbände selbst gefragt. Selbst die FIFA, UEFA sowie die DFL müssen sich langfristig hinterfragen, wie lange sie die endlose Gehalts- und Transfergelderspirale mitmachen wollen und können. Financial Fairplay ist längst gescheitert und im Fußball beginnt der schleichende Verfall.

Eine abwechslungreiche Sportlandschaft ist für die internationale Wetbewerbsfähigkeit des deutschen olympischen Sports unabdingbar. Auch wenn wir von einer flächendeckenden Übertragung der jeweiligen Ligen noch weit entfernt sind, sollten zumindest anstatt jedem Freundschaftspiel im Fussball die Großereignisse mit deutscher Beteiligung frei empfangbar gezeigt werden. Noch ein Finale in Wimbledon, der Beachvolleyball Weltmeisterschaft oder Hockey Championsleague mit deutscher Beteiligung ohne Medienpräsenz trägt den deutschen Sport endgültig zu Grabe.

Fußball, bist Du noch Du selbst?

Ein Gastbeitrag von Johannes Rohrmaier

Ehemalige oder aktive Profis wie Christoph Metzelder oder Stefan Bell setzen sich öffentlich für den Amateurbereich ein. Engelbert Kupka hat das Aktionsbündnis „Rettet die Amateurvereine“ ins Leben gerufen. Denn der Profifussball entfernt sich immer weiter von seinen Wurzeln und es besteht Gefahr, dass er sie endgültig verliert.

Die Fußballplätze der Republik mögen sich unterscheiden. Die Ascheplätze im Ruhrgebiet sind anders als Kunstrasenplätze in den Städten. Es gibt Plätze, die von Gemeinden gepflegt werden und mehr aus Erde als aus Rasen bestehen und es gibt Plätze, die von kauzigen Platzwärten in liebevollster Kleinstarbeit hergerichtet werden und es mit Champions-League-Spielfeldern aufnehmen können. All diese Plätze aber vereint eines: die Liebe zu dem Spiel, das uns alle begeistert.

Überall gibt es sie, die Rentner, die das Eintrittsgeld einsammeln und die Stadionzeitung anbieten. Die Fans, die kein Spiel verpassen und auch bei schlechtestem Wetter die weiteste Auswärtsfahrt mitmachen, nur um nach jedem Spiel, das mit weniger als fünf Toren Abstand gewonnen wird, zu meckern, wie schlecht alle sind.

Hier gibt es keine große Auswahl am Essensstand: Bratwurst, Bier und Wasser reichen. Der Zuschauer steht direkt am Spielfeldrand auf die Bande gelehnt und das Spiel steht im Mittelpunkt. Er riecht das nasse Gras, hört die krachenden Zweikämpfe, die Kommandos der Mannschaften. Er fühlt die Intensität der Duelle, wenn Abwehrchef und Sturmkante ins Kopfballduell gehen. Er erlebt den Fußball in der Form, die ihn ausmacht.

Hier geht es nicht um Pass- und Zweikampfwerte oder andere Statistiken. Hier geht es um einen Verein, mit dem man sich identifiziert, ob man will oder nicht. Hier geht es um ein Stück des Alltags, einen Teil des Lebens, den jeder kennt, der diesen Sport liebt. Hier geht es um Fußball.

Kapital statt Identität

Der Profifußball, mit dem der Zuschauer Tag für Tag in allen Variationen und auf allen Kanälen konfrontiert wird, hat damit nicht mehr viel gemeinsam. Er boomt und generiert mehr und mehr Geld. In dieser Wintertransferperiode gaben die fünf europäischen Topligen fast 50 Prozent mehr für Transfers aus als noch ein Jahr zuvor. Fußball ist zum reinen Geschäft geworden.

Und die Beteiligten machen keinen Hehl daraus. „Fußball in Deutschland, in Dortmund oder bei Bayern ist Geschäft, ist Unterhaltungsgeschäft. Wir sind Showbusiness, wir sind die wichtigsten Entertainer in unserem Land“, sagte Paul Breitner gegenüber sport1.

Bestes Beispiel dafür ist die Geschichte von Cardiff City. Der walisische Traditionsklub spielte seit 1908 in blau-weiß gestreiften Heimtrikots. Bis Vincent Tan kam und den Klub übernahm. Der schwerreiche Investor änderte alles. Fortan spielte Cardiff in Rot und statt dem traditionellen Sperling zierte ein Drache das Wappen des Klubs, um ihn in Asien besser vermarkten zu können. Erst nach massiven Fanprotesten ist die Vereinsfarbe nun wieder blau und auch der Sperling ist wieder das dominierende Wappentier. Rote Auswärtstrikots und ein kleiner Drache bleiben aber dennoch.

Der Entwicklung setzen derzeit Spieler wie Oscar, Axel Witsel oder Hulk die Krone auf, die den europäischen Topligen, in denen sie sowieso schon mehr als genug verdienen, auf dem Zenit ihrer Karriere den Rücken kehren, um in China auch noch den letzten Dollar an Gehalt aus ihrer Laufbahn herauszuquetschen. Solche Transfers stellen die Perversion der Entwicklung des Profifußballs besser dar, als es jeder wohlformulierte, kritische Kommentar je könnte.

Wappenänderungen aus Marketinggründen

Passend dazu kommen Nachrichten wie die Änderungen der Wappen von Juventus Turin oder Real Madrid. Das Wappen der Königlichen ziert seit 1902 eine Krone und darauf thront ein Kreuz, so klein, dass es eigentlich gar nicht auffällt. Nun soll sich der Verein in einem Vertrag mit einem arabischen Großhändler dazu verpflichtet haben, das Kreuz zu entfernen, um auf „kulturelle Befindlichkeiten“ muslimischer Länder Rücksicht zu nehmen, in denen man seine Fanartikel natürlich auch verkaufen will.

Spinnt man diesen Gedanken weiter, müsste Real eigentlich die gesamte Krone entfernen, hat diese doch 800 Jahre muslimischer Herrschaft in Spanien beendet. Vom Namen ganz zu schweigen, denn welcher echte muslimische Fan möchte durch das „Real“ schon dauernd an die spanische Königsfamilie erinnert werden?

Die großen Vereine halten eine Fassade von Historie und Tradition aufrecht, hinter der sie sich nicht mehr unterscheiden. Spieler, Verantwortliche, Fans, Statements bei Vereinswechseln, alles ist austauschbar geworden. Die konstruierte eigene Identität, die mit Phrasen wie „Mia san Mia“ oder „Echte Liebe“ beworben wird, ist nichts anderes als eben das: Werbung. Und zwar völlig deplatzierte Werbung, denn für echte Identifikation braucht es keine Marketingstrategie. Aber wer letztendlich im Stadion sitzt, ist den Klubs sowieso egal.

Der Stadionbesuch wird zum Event

Die Entwicklung schlägt sich auch im Stadionbesuch nieder. Der Fußball ist zum reinen Event geworden. Die wichtigste Erkenntnis auf dem Weg zur Arena ist, dass es freies WLAN auf jedem Sitzplatz gibt, mit dem man die offiziellen Twitter- und Facebook-Profile der Stars verfolgen kann. Das ist die vielzitierte Fannähe, die nur von öffentlichen Trainingseinheiten übertroffen wird, bei denen man den Stars aus 100 Meter Entfernung beim Laufen zusehen darf.

Im Inneren des Stadions angekommen, muss man sich zwischen Popcorn und Pizza vom Stadionsprecher auf die große Show vorbereiten lassen, die nun folgen soll. Unterbrochen von Werbung, Gewinnspielen, Halbzeit-Acts und der Vorstellung des jährlich erscheinenden neuen Trikots. Highlight ist dann, dass die eigene Mannschaft nach dem Spiel halbherzig klatschend für zehn Sekunden in die Kurve kommt.

Die Umsätze der Fußballklubs in Deutschland steigen jährlich und Einnahmen sowie Gewinne vervielfachen sich. Aber der Fußball verliert etwas, das materiell nicht zu beziffern ist – das, was ihn zu etwas Besonderem macht und ihn von den anderen großen Sportarten abhebt: Seine Identität, seine Seele.

Bindung zum Spiel geht verloren

Das alles führt dazu, dass die Bindung zum Spiel für den Besucher verloren geht. Der Fußball entwickelt sich zum Event, vergleichbar mit den großen US-Sportarten. Hier sind sich die Fans bewusst, dass sie eine Show geboten bekommen, die sie so woanders nicht erleben können. Dafür nehmen sie Vermarktung und Eventcharakter gerne in Kauf. Beim Fußball steht auch aufgrund des Ligensystems, das es in Amerika nicht gibt, zumindest manchmal noch das Spiel im Vordergrund.

Kein Wunder aber, dass in den Topligen sofort Pfiffe und Unmut aufkommen, wenn die unfehlbaren Maschinen auf dem Platz menschlich werden oder gar Fehler machen. Der Zuschauer hat schließlich viel Geld dafür bezahlt und will dann auch dementsprechend unterhalten werden. Der Fußball hat die Menschen zu Kunden gemacht, da ist es nicht verwunderlich, dass sie sich auch so verhalten. Und so ist man geneigt, beim Profi- und Amateurfußball von zwei unterschiedlichen Sportarten zu sprechen.

Verteilung des Geldes stimmt nicht

Dass im Fußball viel Geld steckt, ist vollkommen klar und eine natürliche Entwicklung. Der DFB verkündete jüngst den elften Umsatzrekord in Folge. Die Basis des gesamten Systems verdient dabei aber nur einen Bruchteil der Summen und kämpft in den unteren Ligen an jedem Spieltag jeder Saison darum, Mannschaften stellen zu können.

Ohne die vielen Amateurvereine aber wäre der gesamte Fußball nicht vorstellbar, bedenkt man, dass 99,9 Prozent der Profis ihre Karriere bei genau so einem Verein begonnen haben. Man stelle sich vor, dieses Filtersystem würde wegfallen, Bundesligavereine könnten potenzielle Kandidaten für die Jugendmannschaften ausschließlich über regelmäßig veranstaltete Camps sichten.

Auch Engelbert Kupka, der frühere Präsident der SpVgg Unterhaching setzt sich mit seinem neu gegründeten Aktionsbündnis für eine gerechtere Verteilung der durch den Fußball generierten Gelder ein, von der die Amateure profitieren sollen.

Im Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL ist ausdrücklich festgehalten, dass sich die DFL der sozialen und gesellschaftspolitischen Verantwortung der fast 26.000 Amateurvereine auch finanziell verpflichtet fühlen soll. Von den generierten circa 1,5 Milliarden Euro Gesamteinnahmen werden allerdings über 1,4 Milliarden den 36 Profivereinen zur Verfügung gestellt, für die Amateurvereine bleiben etwa 50 Millionen Euro. Parallel dazu baute der DFB ein Fußballmuseum für knapp 40 Millionen und plant derzeit immerhin die DFB-Akademie für etwa 150 Millionen Euro.

Der Fußball ist zu groß geworden

Christoph Metzelder verfolgt dagegen einen anderen Ansatz: „Wir müssen die Nähe des Amateurfußball gegen die Distanz des Profigeschäfts stellen“, erklärt er gegenüber SPOX und meint auch: „Es bringt nichts, die DFL anzugreifen, sie wird kein Stück im Wettbewerb gegen internationale Profiligen zurückweichen.“

Der Amateurfußball muss es schaffen, dass die Menschen wieder lieber auf die Sportplätze gehen, als zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen. Die kommende weitere Aufdröselung der Bundesliga-Spieltage macht es dem Amateurbereich dabei definitiv nicht leichter, die Nische zu finden, die noch nicht vom Profifußball belegt ist.

Auch für Metzelder ist klar: „Die Diskussion ist bigott. Nur der Fan als Konsument – also jeder Einzelne von uns – kann das System Fußball verändern.“ Der Fußball ist womöglich zu groß geworden und droht, sich selbst zu verlieren. Die Berichterstattung ist allgegenwärtig, vergisst aber dabei meist das Wesentliche.

Mythen sterben aus

Der FC Bayern trifft im Champions-League-Achtelfinale auf den FC Arsenal. Ein Spiel, auf das Fans früher wochenlang hingefiebert haben. Heute ist das Alltag. Man weiß alles über den Gegner, man hat das Spiel in den letzten Jahren regelmäßig gesehen. Der nächste Schritt zur totalen Übersättigung wäre die Einführung einer europäischen Superliga.

Mythen, von denen Väter ihren Söhnen erzählen, entstehen heute nicht mehr. Wie auch? Es ist jede Woche Champions League, Pokal, WM- oder EM-Qualifikation oder normaler Ligabetrieb. Alles ist durchleuchtet, alles ist gleich.

Manchmal blitzt noch das auf, was den Fußball ausmacht. Die unfassbare Begeisterung, die er bei Menschen jeden Alters, Herkunft und gesellschaftlichen Schicht auslösen kann. Der 2:1 Sieg zum 125. Geburtstag von Celtic Glasgow gegen den FC Barcelona oder die unglaubliche Aufholjagd der AS Rom waren solche Momente. Aber die Momente werden seltener und bei der aktuellen Entwicklung besteht die Gefahr, dass es sie irgendwann gar nicht mehr gibt. Wie traurig das wäre, bedarf keiner weiteren Erklärung. Schließlich hat all das nicht in modernen Super-Arenen angefangen, sondern auf den Dorfplätzen der Republik.

(Dieser Beitrag erschien am 24.03.2017 auf spox und wurde für PACK MA’S vom Autor überarbeitet)

Eine andere Bundesliga ist möglich

Gastbeitrag von Max Riegel

Maik Nöcker, Moderator bei Sky und Gründer des unfassbar guten Podcasts Fußball MML, hat vor einiger Zeit auf sport.sky.de einen Kommentar verfasst, in dem er den gegenwärtigen Zustand der Bundesliga anprangert. Da dieser Kommentar so gut ist, sollte er selbst gelesen werden. Eine Paraphrasierung würde ihm nicht gerecht werden. Witzbolde könnten nun anmerken, dass ein Kommentar zu wenig ist, um alles anzuführen, was schiefläuft. Aber die Situation ist zu ernst. Und Nöcker bringt diesen Ernst präzise auf den Punkt. Die Bundesliga droht im Hinterherhecheln der Premier League ihren – Achtung BWL-Sprech – Markenkern zu verlieren. Alles, was die Bundesliga einmal ausmachte, volle Stadien mit günstigen Tickets, tolle Ultra- und Fankultur, gelebte Identität und alles trotz in der Regel spannungsbefreitem Meisterschaftskampf, droht auf der Strecke zu bleiben, wenn Leute wie Rummenigge, der wirklich mal ein sehr guter Stürmer war, die Bundesliga dem globalen, gnadenlosen Raubtierkapitalismus zum Fraß vorwerfen wollen. Die Blendkraft der englischen Milliarden macht einige Entscheidungsträger in den Vereinen blind. Sie sehen nicht, dass die Premier League durch die bloße Imitation nicht eingeholt werden kann. Sie nehmen nicht wahr, dass Vereine wie PSG oder jetzt auch Man City in der Champions League massiv Probleme haben. Sie merken nicht, dass die Menschen, denen sie alles Verdanken, und das sind nicht die – hier eine Beschreibung Ihrer Wahl einfügen – in den VIP Logen und Aufsichtsräten. Aber wenn wir das alles nicht wolle, was wollen wir dann? Nöcker gibt einen Teil der Antwort, die hier zu Ende gedacht werden soll. Er fordert ein Manifest, ein Grundsatzprogramm, an das sich die Profivereine halten müssen, wollen sie die Lizenz für die Liga erhalten. Sie sollen Werte wie Fairness vorantreiben. Der Spielbetrieb soll nachhaltig konzipiert sein. Die Umweltbelastungen durch Verkehr und Müllproduktion auf ein Minimum reduzieren. Klare Sponsoring-Regeln. Welche Gründe gibt es, dass russische Erdölfirmen, Textilausbeuter und arabische Terrorunterstützer Werbung in der Bundesliga machen? Gut können sie nicht sein. Förderung der politischen Ultraszene, gerade jetzt, wo ein reaktionärer Zeitgeist sein Unwesen treibt, um gesellschaftliche Errungenschaften rückgängig zu machen. Und als letzten Punkt fordert Nöcker eine nachhaltige Jugendarbeit, mit mindestens einem Nachwuchsspieler pro Profikader. Wobei auch die Nachwuchsförderung problematisiert werden sollte, wie zuletzt der Artikel „Jagdfieber“ in der aktuellen Ausgabe der 11Freunde anschaulich darlegt. Nichtsdestotrotz: all diese Forderungen von Nöcker sind so richtig wie wichtig. Aber es gibt einen Begriff, auf den alles gebracht werden kann: Gemeinwohl-Ökonomie. Das ist nicht irgendein Hippiewort oder Tagträumerfantasie. Das ist jetzt schon gelebte Realität. Das ist unternehmerisches Handeln gedacht auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene. Die Wiedereinbettung der Ökonomie in das Soziale. Es gibt weltweit Firmen, größere und kleinere, die ihre Bilanzen nicht nur nach monetären Gesichtspunkten erstellen, sondern nach monetären und ökologischen und solidarischen und gerechten. Geld verdienen ja, aber nicht Geld verdienen um des Selbstzweckwillens.

Eine gemeinwohl orientierte Bundesliga?

Wäre das eine Vision für die Bundesliga? Eine gemeinwohlorientierte Bundesliga? Was spräche dagegen? Die Summen, könnte man anführen. Wie soll man Topspieler finanzieren, gerade jetzt, in dem ein Rekordtransfer höchstens eine Saison lang hält. Dem lassen sich zwei Dinge entgegenhalten. Erstens, wie lange soll das noch so gehen, dass Transfers im dreistelligen Millionenbereich getätigt werden. Glaubt wirklich ernsthaft jemand, dass das auf die Dauer gut geht? Zweitens, ist der Weihnachtsmann kein Osterhase und Profifußballer sind keine Nobelpreisträger. Aber das Klischee vom dummen Fußballer ist doch überholt. Es gibt Sportler wie Juan Mata, Per Mertesacker oder Kevin-Prince Boateng, die bewiesen haben, dass sie über den Gehaltscheck hinausschauen können. Eine gemeinwohlorientierte Liga für solche Spieler kann attraktiver sein, als ein hochdotierter Vertrag, der mit einer feinen Melange aus Blut und Erdöl aufgesetzt wurde. Diese Spieler setzten sich mit der Liga auseinander und würden ihre Werte leben. Spieler, die sich dann ganz bewusst für die Bundesliga entscheiden, einfach, weil sie das richtige tun wollen. Und ganz ehrlich: solche Spieler will man doch auch lieber sehen. Das Prinzip des Gemeinwohls kann dieser Abgrenzungspunkt zu allen anderen Ligen sein. Das, was die Bundesliga unvergleichbar macht und das, was die Bundesliga wieder bedingungslos liebenswert machen würde. Wer noch nicht komplett verdorben ist, muss das einsehen. Auch, wenn er mal ein sehr guter Stürmer war.

Zu Besuch beim St.Pauli Spaniens

Dass der moderne Fussball so steril ist wie eine Neubausiedlung in München-Hirschgarten ist längst ein Gemeinplatz. Die Politik wird aus dem Fussball weitestgehend rausgehalten. Das zeigt sich nicht zuletzt an den kommenden WM-Austragungsorten Russland und Katar oder auch am FC Bayern, der regelmäßig seine Trainingslager in dem neo-feudalen Wüstenstaat abhält. Sicherlich gibt es Ausnahmen, wenn – wie vor kurzem in der Allianz Arena – einzelne Ultragruppen Stellung zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen beziehen. Und natürlich gibt es den FC St.Pauli, der gewissermaßen den Prototyp des politisierten Fussballklubs repräsentiert.

Auch hier in Spanien gibt es einen Klub, der gesellschaftspolitisches Engagment als Teil seiner Vereins-DNA trägt: der Zweitligist Rayo Vallecano. Für viele ist Rayo das St.Pauli Spaniens, da auch seine Fanschaft sich offen links positioniert. Vallecas ist ein traditionelles Arbeiterviertel im Südwesten Madrids, wo die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich hoch ist. Touristen verschlägt es selten hier hin, Sehenswürdigkeiten gibt es, mit Ausnahme des Rayo Vallecano, keine. Dennoch schafft es dieser klassische Fahrstuhlklub immer wieder, auch über die Stadtgrenzen von Madrid hinaus, für Schlagzeilen zu sorgen. Als 2014 einer 85-jährigen Nachbarin und längjährigen Anhängerin von Rayo nach einer Zwangsräumung die Obdachlosigkeit drohte, entschied der Klub kurzerhand ihr die Miete zu finanzieren. Eine berührende Geste in dem von Finanz- und Wirtschaftskrise geschüttelten Land, in dem viele Menschen aufgrund von Zwangsräumungen ihr Heim verloren haben.

LGBTQI-Fahnen im Ultrablock

Das Stadion von Rayo Vallecano trägt -in aller Bescheidenheit- den Namen „Fussballplatz von Vallecas“ und befindet sich mitten im Wohngebiet. Der massive Betonbau fügt sich nahtlos in die Szenerie des Viertels ein, das vornehmlich aus schmucklosen Wohnblocks besteht. Vor dem Eingang ist ein etwa 10 Meter langes Transparent aufgehängt, das sich über Cristina Cifuentes, Präsidentin der Regionalregierung der Autonomen Gemeinschaft Madrid und Vorsitzende der konservativen Regierungspartei Partido Popular, lustig macht. Diese steht derzeit heftig in der Kritik, da ihr vorgeworfen wird, bei ihrem Masterabschluss betrogen zu haben. Auch im Stadion finden sich zahlreiche politische Statements. So ist in der Ultrakurve ein Graffito des linken Kampfspruchs „Hasta la victoria siempre“ zu sehen und vereinzelt wehen republikanische Fahnen – nicht unproblematisch im monarchistischen Spanien. Viele Fans tragen das Ausweichtrikot von Rayo, das teilweise in den Regenbogenfarben der LGBTQI-Community gehalten ist.

Genauso karg wie von außen wirkt das „Campo de Fútbol de Vallecas“ auch von innen. Kein W-Lan, keine Stadionkarte und keine Selfiesticks. Essen und Getränke bringen die meisten von zuhause mit. Besonders beliebt sind Pipas, geröstete Sonnenblumenkerne, die man mit den Zähnen aufknackt und deren Schale man anschließend auf den Boden wirft, bis dieser komplett von Pipa-Resten gesäumt ist. Schnell lerne ich meine Sitzplatznachbarn kennen. Da ist zum einen ein etwa 50-Jähriger Mann mit langem Pferdeschwanz, der den Eindruck macht, als hätte er sein gesamtes Leben kettenrauchend auf genau diesem Platz verbracht. Als ich ihm von meinen Pipas anbiete, lehnt er dankend ab. Er wolle kein „Comepipas“ sein, ein Sonnenblumenkernefutterer, also ein Zuschauer, der lieber an seinen Sonnenblumenkernen knabbert als seine Mannschaft mit aller Kraft anzufeuern. Dies sei hier verpönt, erklärt er. Stattdessen erzählt er mir, dass Bebé – Aussenstürmer von Rayo, der einst immerhin 7 Spiele für Manchester United absolvierte – neulich bei einem missglückten Torabschluss ein Fenster im gegenüberliegenden Wohnhaus einschoss. Und dann ist da noch der etwa 13-Jährige Junge der von vielen erwachsenen Fans im Block mit einem respektvollen Handschlag begrüßt wird. Die folgenden 90 Minuten lassen erahnen, warum der Junge hier im Block wohl so etwas wie einen Kultstatus genießt. Von der ersten Minute bis zum Schlusspfiff gönnt er sich keine Pause, singt, klatscht, brüllt, jubelt und flucht wie Werner Lorant zu seinen besten Zeiten, bis ihm etwa in der 80 Minute die Stimme komplett zu versagen scheint. Als die gegnerische Mannschaft den 1:1 Ausgleichstreffer erzielt, schießen ihm Tränen der Verzweiflung in die Augen und er gerät derart in Rage, dass er von seinem Vater beruhigt werden muss.

Am Ende ist es ein typisches Zweitligaspiel: Viel Kampf und noch mehr Krampf. Fußballerische Highlights gibt es kaum. Dennoch bleibt nach dem Ausflug nach Vallecas das Gefühl, Teil von etwas Besonderem gewesen zu sein, dass es hier um mehr geht als um sportlichen Erfolg und die Selbstdarstellung der Spieler, sonder um die Gemeinschaft im Viertel und die geteilte Leidenschaft für den Fußball.

Muss ich jetzt Hockeyfan werden und warum verfolge ich eigentlich noch Profifußball?

Vom alltäglichen Leid eines Fußballfans im Jahr 2018

Liebe und Hass sind zwei gesellschaftlich oftmals überstrapazierte Begriffe. Um unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, greifen wir auch in Alltagssituationen nur allzu gerne zu diesen Extremen. Trotz alledem umschreibt Liebe genau das was der Fußball für mich und viele andere Fußballfans in Deutschland darstellt. Allerdings fühle ich mich in letzter Zeit immer häufiger wie in einer Beziehung die sich in ihren letzten Akten befindet. Der Zauber vom Anfang der Beziehung ist längst verflogen und die Schmetterlinge im Bauch fühlen sich eher an wie Tritte in die Magengegend. Wie am gefühlten Ende jeder Beziehung muss man sich fragen: Lohnt es sich noch füreinander zu kämpfen oder gehen wir lieber getrennte Wege?

Der Fußball und ich, es war Liebe auf den ersten Blick.

Noch sehr genau erinnere ich mich an das Aufflammen meiner Liebe zum Fußball. Mein Großvater, ein Bayer wie er im Buche steht, wollte schon früh auf Nummer sichergehen, dass aus mir ein roter und kein blauer Münchner wird. Im Alter von circa sechs oder sieben Jahren war ich stolzer Besitzer meines ersten Bayerntrikots und kurz darauf Mitglied des Vereins. Spätestens als bei meinem ersten Fußballspiel live vor Ort, einem grandiosen 0:0 im Olympiastadion gegen den AC Sparta Prag, Carsten Jancker aus drei Metern nur die Latte traf, war es um mich geschehen.  Der Fußball und ich, es war Liebe auf den ersten Blick. Die Bundesliga war noch gespickt mit Charakteren wie Mario Basler, Stefan Effenberg oder Andy „Die Jahrhundertschwalbe“  Möller und an der Seitenlinie standen, beobachtet vom Zigarre rauchenden Rudi Assauer, Otto Rehhagel und Giovanni Trapattoni. Viererkette gab es maximal an der Theke, Blutgrätschen gehörten zum guten Ton und „hoch und weit bringt Sicherheit“ war nicht nur in der Kreisliga die Taktik der Stunde. Die Leidenschaft war geboren und sollte auf lange Zeit nicht minder werden.

Die Jahre vergingen und der deutsche Fußball befreite sich vom Image des Rumpelfußballs. Die deutsche Nationalmannschaft und die Weltmeisterschaft im eigenen Land entfachte eine neue Euphorie und der Sport modernisierte sich. Eine gern gesehene Entwicklung. Schon zu dieser Zeit kaufte im Jahr 2003 ein russischer Oligarch namens Roman Abramowitsch den englischen Verein Chelsea London und revolutionierte den Fußball. Auch schon vor dieser Zeit verdienten Fußballer Millionen und die Transferausgaben waren stetig gestiegen. Allerdings veränderte der Kauf eines ganzen Vereins nicht nur auf der Insel einiges. Über die Jahre wurde insbesondere in der englischen Premier League das Aufkaufen ganzer Vereine zum Volkssport für arabische Scheichs, südostasiatische Milliardäre und russische Ölmagnaten. Als selbst ein kleiner Turnverein aus dem Süden Münchens zu großen Teilen in die Hände eines jordanischen Investors fiel, war es dahin mit der Tradition und den ehrlichen Werten des Fußballs.

Gilt auch heute noch Brot und Spiele für den Pöbel wie im alten Rom?

Der Wahnsinnstransfer von Neymar Jr. vom FC Barcelona zu Paris Saint Germain stellt hierbei nur die Kirsche auf dem Eisbecher dar der sich Fußball nennt. Für die Gesamtkosten des Transfers von geschätzten 700 Millionen Euro könnten alternativ 20.825 Krankenpfleger ein Jahr lang in Deutschland bezahlt werden. Sind diese Kosten noch gerechtfertigt, nur für die Unterhaltung der Zuschauer? Gilt auch heute noch Brot und Spiele für den Pöbel wie im alten Rom?

Die Transferausgaben und Millionengehälter sind lediglich ein Teil des erodierenden Systems Fußball. Korruption bei der Vergabe von Großereignissen wie der Weltmeisterschaft, steigende Spiel- und Wettmanipulationen, unzureichende Dopingtests, den Markt nach Belieben diktierende Berater und Spielerverträge die nicht das Papier wert sind auf dem sie gedruckt sind. Spieler mit Millionengehältern hinterziehen geschickter Steuern als korrupte Politiker oder Konzernchefs. Ein Champions League Spiel von 90 Minuten ist heute hauptsächlich von theatralischem Verhalten bei Foulspielen sowie Gockel ähnlichem Auftreten der Protagonisten geprägt. Die Spieler der meisten Mannschaften sehen mit ihren Tattoos und martialischen Frisuren aus wie Kartellmitglieder aus Mexiko oder Kolumbien, gehen jedoch bei der kleinsten Berührung mit schmerzverzehrtem Gesicht zu Boden. Um diesen Wahnsinn nicht mehr verfolgen zu müssen, haben sich die Anbieter sky und dazn ab der Saison 2018/2019 auf einen Verteilungsschlüssel der Champions League Spiele geeignet, welcher die Relativitätstheorie von Albert Einstein wie einen Mathematiktest aus der 1.Klasse erscheinen lässt. Doch statt Funktionäre, Trainer und Spieler mit diesen Themen zu konfrontieren, konzentrieren sich Sportjournalisten bei den gängigen TV-Sendern lieber darauf sich nach den Frühstücksgewohnheiten der Nationalmannschaft zu erkunden oder den Psychologie-Grundkurs an der Universität mit eloquenten Fragen nach dem Gemütszustand nach Siegen oder Niederlagen nicht nutzlos erscheinen zu lassen. Der Sport mag momentan jeder Kritik erhaben sein und sich auf dem Höhepunkt der finanziellen Macht befinden. Allerdings sehen wir schon heute die Vorboten des Niedergangs. Sinkende Zuschauerzahlen, rückgängige Einschaltquoten aufgrund akuter Reizüberflutung und steigende Fanproteste, nicht erst zuletzt in Zusammenhang mit den Montagsspielen in der Bundesliga. Die größte Macht des Fans besteht sicherlich in seiner reinen An- bzw. Abwesenheit. Die Proteste im Zuge der neuangesetzten Montagsspiele in der Bundesliga waren ein wichtiger Beitrag und ein klares Statement der Fans. Als beim Heimspiel des BVB gegen den FC Augsburg an einem Montag mehr als 25.000 Zuschauer das Spiel boykottierten und zu Hause blieben war das Stadion so leer wie seit 22 Jahren nicht mehr. Das Fass scheint langsam voll zu sein oder wie Bernd Stromberg, Stellvertretender Leiter der Schadensregulierung der Capitol Versicherung, zu sagen pflegte: „Aber auch mein Fass hat Grenzen. Ja, wenn’s da stetig reintropft, dann is irgendwann der Boden raus, is doch klar!“

Was ist es, dass den Fußball im Innersten zusammenhält?

Unruhig auf seinem Sessel am Pulte saß Faust und wollte nichts sehnlicher als „Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Was ist es, dass den Fußball im Innersten zusammenhält? Ist es die von Ultragruppierungen so hochgehaltene Tradition des Fußballs? Ist es der Zusammenhalt von Fans und Spielern? Ist es die Inklusion über Gruppierungen hinweg unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität oder Alter? Ist es die Freude am Spiel? Vermutlich ein bisschen von alledem. Insbesondere ist es aber die Liebe zum Fußball, welche uns immer wieder an Samstagen ins Stadion oder vor den Fernseher treibt. Als vor kurzem völlig überraschend der 31-Jährige Mannschaftskapitän des AC Florenz Davide Astori im Schlaf verstarb, zeigte der Fußball wiederum seine unglaubliche Kraft. Bei der Trauerfeier erschienen tausende Fans auf dem Vorplatz der Kirche in Florenz. Fangesänge wurden angestimmt, Schals in die Höhe gehalten, Fahnen geschwenkt und Bengalos in Vereinsfarben gezündet. Ein ergreifendes Bild, welches auch Menschen nicht kalt lässt, die den Fußball ansonsten nicht verfolgen.

Fußball ich kann dir sagen du machst es mir schwer und ich hadere mit dir jeden Tag, bei jedem Spiel und mit jeder Faser meines Körpers. Aber du bist es verdammt nochmal wert um dich zu kämpfen.