Ein Nickerchen gegen das System

In vielen südlichen Ländern, besonders in Spanien, ist die Mittagsruhe, die Siesta, Teil der Alltagskultur. Selbst in den Metropolen Madrid oder Barcelona schließen viele Läden zwischen 14 und 17 Uhr und das öffentliche Leben auf den Straßen erlahmt. Üblicherweise ist die Mittagspause für viele Angestellte hier länger als in Deutschland und wird von einigen auch dazu genutzt, das Mittagessen mit einem kleinen Nickerchen ausklingen zu lassen, bevor es zurück an die Arbeit geht. Die meisten Deutschen haben vermutlich zuletzt im Kindergarten einen Mittagsschlaf gemacht und wer noch im Erwachsenenalter dieser Gewohnheit nachgeht, wird schnell verdächtigt. „Schaffe schaffe Häusle baue“ gilt hierzulande immer noch als gesellschaftlicher Imperativ und schlafen sollte daher sicher nicht auf der Agenda stehen. Nicht umsonst hat Max Weber Anfang des 20.Jahrhunderts den protestantische Arbeitsethos gerade für Deutschland beschrieben. Doch sollten wir nicht den Fehler machen,  die Siesta nur als romantische Folklore zu verstehen, denn sie ist viel mehr als das: sie ist eine kleine Form des Widerstands gegenüber den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft, ein Nickerchen mit subversivem Charakter. Denn in einer auf Wachstum und (Selbst-)Optimierung ausgerichteten Gesellschaft, in der jedes Individuum dazu angehalten ist, rund um die Uhr erreichbar zu sein und die Optimierungslogik auch in seinem Alltag zu implementieren, ist kaum eine Geste widerständischer als das Nichtstun.

Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch Beschleunigung aus

Der französische Philosoph Gilles Deuleuze merkte bereits 1990, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, an, dass sich moderne „Kontrollgesellschaften“ durch einen „unbegrenzten Aufschub“ auszeichnen. Der Mensch als Humankapital ist zum lebenslangen Lernen genötigt, zur steten Steigerung des eigenen Marktwerts, was das zu führt, „dass man nie mit irgendetwas fertig wird“. Hartmut Rosa spricht in diesem Zusammenhang von „Beschleunigung“ als bestimmendes Charakteristikum moderner Gesellschaften. So streben moderne, kapitalistisch organisierten Gesellschaften nach „Reichweitensteigerung“. Das bedeutet, dass wir uns immer mehr Welt aneignen können, und das in einem immer größeren Tempo. Das gilt für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang genauso wie für einen individuell-biographischen. Zur Erklärung wählt Rosa ein einfaches Beispiel. Im jungen Alter bewegt man sich in der Regel zu Fuß oder mit dem Fahrrad in einem überschaubaren Weltausschnitt, meist im eigenen Viertel oder Dorf, fort. Mit 16 folgt dann der Motorrad-, mit 18 der Autoführerschein, der es erlaubt, Stadt- und sogar Ländergrenzen zu überqueren und sich somit, in weitaus geringerer Zeit, mehr Welt anzueignen. Das lässt sich auch auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Während die Menschen früher Briefe versendeten und mit der Kutsche verreisten, kommunizieren wir heute in Echtzeit und jetten mit Billigfliegern durch die Welt. Dies hatte eine enorme Veränderung der Zeitstruktur zur folge: Die Welt scheint sich zu beschleunigen. Dieses Prinzip der Beschleunigung beruht dabei auf einem Paradox. Um den status quo zu erhalten, muss die Gesellschaft sich beschleunigen. Rosa nennt das „dynamische Stabilisierung“. Am eindrücklichsten ist dies im Falle der Wirtschaft: um das Wirtschaftssystem am Laufen zu halten und dafür zu sorgen, dass die Menschen in Lohn und Brot kommen, muss es wachsen. Wir sind also in unserem gegenwärtigen System gewissermaßen zur Beschleunigung, bzw. zur Reichweitensteigerung verdammt.

Schlaf wird zur Mangelware

Das Problem hierbei ist: das Prinzip der Reichweitensteigerung beruht auf Voraussetzung, die ihrerseits nicht oder nur in geringem Maße steigerungsfähig sind, wie die natürlichen Ressourcen der Erde oder die physische und psychische Belastbarkeit der Menschen. So überrascht es nicht, dass Diagnosen über Depressionen, Angststörungen und Burnout rapide zu nehmen. Das „erschöpfte Selbst“ (Alain Ehrenberg) ist längst zum Subjekt der „Müdigkeitsgesellschaft“ (Byung-Chul Han) geworden. Ähnliches beobachtet auch der amerikanische Kulturwissenschaftler Jonathan Crary, der in seinem Essay „24/7 – Schlaflos im Spätkapitalismus“ beschreibt, wie der Schlaf unter der Bedingung der Beschleunigung und Reichweitensteigerung unter Beschuss gerät. Schon das künstliche elektrische Licht in den ersten Fabriken der Industrialisierung ermöglichte die Ausweitung der Arbeitszeiten und dadurch einen enormen Anstieg der Produktivität. Gleichzeitig wurde damit aber der Schlafrhythmus und das Zeitgefühl der Menschen völlig auf den Kopf gestellt. Dieses Prinzip wird heute durch flexible Arbeitsverträge und die Möglichkeit des 24/7 Shoppings im Netz auf die Spitze getrieben.  Heute wird zu jeder Zeit produziert, konsumiert und kommuniziert. Die Unterscheidung zwischen produktiver Zeit und „Frei“-Zeit verschwimmt vollkommen. Nur im Schlaf sind wir vollkommen unproduktiv und daher ein „Ärgernis für die Dauerkonsumkultur“. Dennoch wird er zunehmend prekär. Verlängerte Geschäftszeiten, die Dauerbestrahlung durch Smartphones und Laptops und die Lichtverschmutzung durch ganztägig beleuchtete Werbereklamen in Großstädten rauben uns buchstäblich den Schlaf. Es ist paradox: auf der einen Seite hat die tatsächliche Arbeitszeit in den meisten Gesellschaften über die Zeit abgenommen, gleichzeitig nimmt die psychische Belastung durch Stress und Schlafmangel offenbar zu. Kein Wunder also, dass Ratgeberliteratur die Regale in Bahnhofskiosken füllt und die Menschen scharenweise in Yoga-Studios rennen. Das Bedürfnis nach – mit Rosa gesprochen – Entschleunigung ist groß. Achtsamkeitsseminare, bei denen die Teilnehmerinnen lernen (!) zu entspannen und runterzufahren, liegen im Trend. Seltsamerweise wird nur der Schlaf nicht kultiviert.

Genau deshalb ist die Siesta so wertvoll. Sie erlaubt uns, mitten am Tag, zumal zu einer Zeit, in der die meisten Menschen ihr biorhythmisches Tief haben, eine Pause einzulegen und Kraft für den verbleibenden Tag zu schöpfen. Dabei müssen wir uns keinesweges schuldig fühlen, weil wir unsere Verpflichtungen für ein paar Minuten ruhen lassen. Vielmehr sollten wir uns dabei als Rebellen fühlen. Denn mit einer Siesta entziehen wir uns für einen Moment der Logik der Beschleunigung und des Dauerkonsums: Das ist nicht nur gesund, sondern ein durchaus revolutionärer Akt: Schlafen gegen das System, wenn man so will.

Eine Ode an die Klassik

Anfang und Ende aller Musik

Bing. WhatsApp Nachricht. Bing. Instagram Benachrichtigung. Bing. Tinder Match. Bing. Neue Email-Nachricht. Bing. Snap. So geht das bei den meisten von uns den ganzen Tag. Das Smartphone ist der Mittelpunkt jeglicher Kommunikation. Vielleicht sogar der Mittelpunkt des Tages. Die meisten von uns können sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen. Einer Studie der Marketing-Agentur Tecmark zufolge, greifen wir im Schnitt 1.500 mal in der Woche zum Smartphone. Das sind 214 mal pro Tag. Grundsätzlich ist das auch gar nicht schlimm, verbindet das Smartphone doch viele Nutzungen wofür es noch vor Jahren mehrere verschiedene technische Geräte gebraucht hat. Auch hat das Smartphone vieles im alltäglichen Leben erleichtert, sei es Musik hören, navigieren, kommunizieren oder auch nur Selfies mit Hundeohren verschicken. Besonders Letzeres war noch vor Jahren nur mit einiger vorhergehender Planung und Vorbereitung für mich möglich. Doch bewirkt das Smartphone etwas, das wir unter Umständen gar nicht bewusst wahrnehmen. Wir konsumieren ständig. Es gibt keinen Moment der wirklichen Ruhe mehr. Oder wann habt ihr das letzte Mal nichts gemacht? Absolut gar nichts?

Ich bin in diesem Blogartikel selbstkritisch. Auch ich nutze mein Smartphone sehr viel und möchte ständig erreichbar sein und nichts verpassen. Sitze ich in der S-Bahn oder warte auf den Bus, dann checke ich noch schnell Instagram oder meine WhatsApp Nachrichten. Zwar hat dies bisher keine negativen Auswirkungen, aber es fällt mir zumindest auf. Doch vor einiger Zeit entdeckte ich etwas wieder das mir beim absoluten Abschalten und Nichtstun hilft: klassische Musik.

Das Werk eines Genies

Tokat, Kopf ab, Mortal Kombat, Vollkontakt a la Ong-Bak, komm ran. Ich höre gerne Deutsch-Rap. Mein iPhone ist voll mit Classic-Rock von Tom Petty, Bruce Springsteen oder Queen. Austro-Pop hat noch jede Fahrt in die Berge zu einem Erlebnis gemacht und jede neue Indieband muss erst einmal auf Herz und Nieren geprüft werden. Allerdings löst keine dieser Musikrichtungen und keiner dieser Interpreten das aus was die klassische Musik auszulösen vermag. Als vor kurzem der 333.Geburtstag von Johann Sebastian Bach anstand, widmete ich mich nach langer Zeit mal wieder seinem Werk. Der vielleicht größte Komponist aller Zeiten hat ein Werk hinterlassen, welches seinesgleichen sucht. Eine nicht zu übertreffene Vielfalt. Eine Variation an Gefühlen und Stimmungen die so nie wieder erreicht wurde. Kurzum: Das Werk eines Genies. In der Ausgabe der ZEIT vom ersten April heißt es, dass Menschen die nicht an Gott glauben beim Hören der Werke von Bach religiös werden.

Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten!

Am 31. März, dem Geburtstag von Bach, tat ich etwas, das ich auch euch ans Herz legen möchte. Ich nahm mir 15 Minuten meines Lebens Zeit, um mir eines der wunderbarsten und faszinierendsten Werke Bachs komplett und ohne Unterbrechung oder Ablenkung anzuhören. Legt das Smartphone weg. Sucht euch einen bequemen Platz zum Sitzen oder Liegen. Setzt Kopfhörer auf, schließt die Augen und hört euch folgendes Werk an: die Chaconne. Gebt nicht nach ein paar Minuten schon auf. Hört einfach nur zu. Denn wie Albert Einstein schon meinte „Was ich zum Lebenswerk von Bach zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten!“

Die Chaconne wird oftmals als größtes Werk der Klassik beschrieben. Wer vermag dies schon zu beurteilen, gibt es doch keinen standardisierten Wertekanon oder festgeschriebene Bewertungskriterien. Doch sagte schon Johannes Brahms über die Chaconne „Hätte ich das Stück machen, empfangen können, ich weiß sicher, die übergroße Aufregung und Erschütterung hätten mich verrückt gemacht.“ Mich hat diese Erfahrung nicht kaltgelassen. Die reine Konzentration auf die Musik hat mir Gänsehaut verschafft und ein Gefühl der absoluten Entspannung aber auch Faszination. Bachs Lebenswerk wird nicht umsonst als „ideale Musik“ bezeichnet.

Oftmals wirkt die Menschheit im Jahr 2018 besonders gehetzt, gestresst und rastlos. Vielleicht kann uns Musik aus dem 18.Jahrhundert dabei helfen, wieder bewusst zu konsumieren und das was wir gerade tun auch bewusst wahrzunehmen. Völlig egal, ob diese nun aus der Feder von Johann Sebastian Bach stammt oder von anderen Granden der Klassik wie Beethoven, Mozart, Schubert oder Handel.  Einen Versuch ist es wert.

Ey Mann, wo is‘ mein Auto?

Ein Stadt ohne Autos – nur reine Utopie oder doch ein realistisches Szenario?

Wäre dies ein Podcast, so würde ich euch bitten kurz die Augen zu schließen und mich auf eine Reise in eine unbekannte Welt zu begleiten. Da es sich hierbei aber um einen Blog handelt und es wissenschaftlich erwiesen ist, dass es sich mit offenen Augen leichter liest, bitte ich euch mir in diese Fiktion mit offenen Augen zu folgen. Stellt euch bitte das folgende Szenario mit Hilfe eures bildlichen Auges vor. Es ist ein lauer Sommerabend, ihr seid nach Feierabend auf dem Weg eure Freunde zu treffen und die Sonne färbt den Horizont bereits tiefrot. Ihr schwingt euch auf das Fahrrad um zum Treffpunkt am Sendlinger Tor in München zu gelangen, um noch etwas die frische Luft und die Ruhe dort zu genießen. Spätestens hier sollten dem oder der Ersten Zweifel an der Geschichte aufkommen. Ruhe und frische Luft am Sendlinger Tor genießen? Befindet sich dort nicht gerade nach Feierabend eine der meistbefahrenen Straßen des Münchner Zentrums? Alles richtig und doch falsch. Denn wir befinden uns nicht im München des Jahres 2018, sondern in einer Utopie. Der autofreien Stadt.

Der Klimawandel ist real

Die vergangene Dekade der Jahre 2000 bis 2009 war das wärmste Jahrzehnt seit langem. Die Häufigkeit von Temperaturextremen steigt und alle Temperaturrekorde der letzten Jahrhunderte traten nach dem Jahr 2000 auf. Die mindestens ebenso relevanten Ozeantemperaturen steigen kontinuierlich, während die weltweiten Permafrostgebiete schrumpfen. Unsere Gletscher verlieren seit Jahrzehnten an Masse, weil die Oberflächentemperatur auf der Erde deutlich gestiegen ist. Mit anderen Worten: der Klimawandel ist real.

Das Auto und der Individualverkehr mit Verbrennungsmotor sind sicherlich einer der Hauptgründe und Verursacher des Klimawandels, wenn auch nicht der einzige Grund. Allerdings sind die Gesundheitsschäden für den Menschen bereits heute real. Nach einer Studie der Organisation Environmental Health Analytics sterben jährlich weltweit 107.000 Menschen durch Dieseabgase, 38.000 davon wegen nicht eingehaltener aber von den Automarken angegebener Abgaswerte. Allein in der Europäischen Union sterben 11.400 Menschen, weil die Autos in Wirklichkeit mehr Abgase ausstoßen als erlaubt. Damit fallen auch in Deutschland mehr Menschen den Autoabgasen zum Opfer, als bei Autounfällen sterben. Neben der Luftverschmutzung führt der Stadtverkehr auch zu Lärm und damit verbundenen Schlafstörungen der Anwohner. Wer täglich im Berufsverkehr im Stau steht kann sicherlich auch von erhöhten Stresspegeln berichten. Warum also nicht unsere Städte autofrei gestalten?

In seiner Bergpredigt warnte Jesus vor den Wölfen im Schafspelz

All diese Probleme sollten uns vor Augen führen, dass es mit kleinen Korrekturen keine weitreichenden und erfolgreichen Veränderungen geben wird. Es reicht leider nicht den Drecksschleudern in der Marketingabteilung so griffige Namen wie BlueTec oder EfficientDynamics zu geben. Emmissionen bleiben Emmisionen und sind schädlich, egal wie diese heißen. In seiner Bergpredigt warnte Jesus vor den Wölfen im Schafspelz: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig sind sie aber die reißenden Wölfe“ (Mt 7,15) Wenn wir gerade von Wölfen sprechen, Volkswagen hat übrigens im Jahr 2017 seinen Nettogewinn verdoppelt und damit ein Rekordergebnis erzielt. Ehrlichkeit zahlt sich eben aus.

Der Virus Auto hat uns alle befallen!

Wir brauchen keine kleinen Veränderungen, sondern eine Revolution des Verkehrs! Die Zeit des umwelt- und gesundheitsschädlichen Individualverkehrs ist vorbei. Dafür braucht es den Mut und den Willen zur Veränderung jedes Einzelnen, denn der Virus Auto hat uns fast alle befallen. Laut Hermann Knoflacher, Verkehrsexperte der TU Wien, hat der Virus Auto sogar „unseren Verhaltenskodex, unser Wertesystem und die Wahrnehmung total umgekehrt“. Denn jeder kennt die Konsequenz seines Handelns, doch kaum jemand hinterfrage die Berechtigung. Ein erster Schritt wäre laut Knoflacher, die strikte Trennung von Auto- und Fußgängerzonen in der Stadt um Nicht-Autofahrern nicht ständig vorzuschreiben wo diese die Straße zu überqueren haben und wo nicht. Ich als Autor möchte hierbei betonen, dass es mir keinesfalls um die grundsätzliche Abschaffung des Autos oder des Individualverkehrs geht. In diesem Szenario handelt es sich lediglich um urbane Ballungszentren und Großstädte die aufgrund ihrer Infrastruktur den Wandel zur autofreien Stadt bewältigen können und aufgrund der Belastungen für Mensch und Natur auch langfristig müssen.

Wie könnten diese Städte aussehen fragt ihr euch?

Begeben wir uns also wieder gemeinsam auf unsere bereits begonnene Reise in die autofreie Stadt. Wie könnten diese Städte aussehen fragt ihr euch? Straßen werden einspurig zusammengeführt um Wege für Polizeikräfte und Rettungswägen frei zu halten und mit Genehmigung beispielsweise Handwerkern den Weg zu ebnen. Aspahlt- und Betonwüsten gehören der Vergangenheit an. Innerstädtische Parkflächen entstehen dort wo heute Parkplätze und mehrspurige Straßen das Stadtbild prägen. Anstelle von Tiefgaragen und Parkhäusern entsteht  längst überfälliger sozialer Wohnraum. Menschen bewegen sich wieder frei und ohne Angst vor gesundheitsschädlichen Abgasen wie Stickoxiden und Feinstaub. Auf gepflasterten Wegen spielen Kinder, beobachtet von ihren sorgenfreien Eltern. Pendler kommen mit dem Auto bis an die Stadtgrenze und steigen dann auf stark ausgeweiteten und kundenfreundlichen Nahverkehr um. Laut einer Studie des Bundesumweltministeriums überschreiten 50% aller Autostrecken nicht die Länge von sechs Kilometern. Eine Distanz die problemlos mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt werden kann. Auch ich gerate gerne in Rage wenn es um den öffentlichen Nahverkehr in deutschen Großstädten geht. Trotzdem muss festgehalten werden, dass dieser im internationalen Vergleich keine Schande ist und beruhend auf eigener Erfahrung definitv ausreicht um ohne Auto in der Stadt mobil zu sein.

All dies sei eine nie zu ereichende Utopie? Ein Hirngespenst? Eine Spinnerei eines jungen Mannes? Vielleicht alles richtig, und doch begann bereits im Jahr 2008 der Bau einer autofreien, CO2-neutralen und abfallarmen Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, welche in Zukunft 50.000 Menschen beherbergen soll. Wir können nicht einfach immer so weiter machen wenn uns die Gesundheit unserer Selbst sowie der kommenden Generationen wichtig ist. Jede Revolution hat irgendwo ihren Anfang. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Sauft den Scheiß doch alleine!

Generation Coffee-to-go

Welchen gemeinsamen Nenner haben 40.000 Tonnen Plastikmüll und 13 Millionen Arbeitnehmer mit Burnout? Welches Utensil geht in Deutschland 320.000 mal pro Stunde über die Ladentheke und steht gleichzeitig als Synonym für unsere ausgebrannte und erschöpfte Leistungsgesellschaft? Womit kann ich der Umwelt einen saftigen Fausthieb ins Gesicht verpassen und im selben Moment der ganzen Welt auf Instagram zeigen, dass mir das auch noch völlig egal ist? Richtig – mit einem Kaffeebecher to go.

Soweit so bekannt und soweit den meisten egal.

Es dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein, dass Kaffebecher für unterwegs, oder auch Coffee-to-go Becher genannt, der Umwelt erheblichen Schaden zuführen. Da kaum Recyclingpapierfasern genutzt werden, müssen neue Bäume gefällt werden. Für den Kunststoffanteil im Becher, damit uns der 7€ teure Double-Vanilla-Chai-Pumpkin-Spice-Latte nicht über die Finger läuft, wird Rohöl verwendet. Dabei entstehen insgesamt CO2 Emissionen von jährlich circa 83.000 Tonnen. Viele der Becher landen auch nicht im Müll, sondern verschmutzen Straßen, öffentliche Plätze und die Natur. Soweit so bekannt und soweit den meisten egal. Der Begriff hierfür lautet übrigens Externalisierungsgesellschaft. Wir verlagern, oder betriebswirtschaftlich gesprochen outsourcen, unsere Probleme einfach in andere Regionen des Erdballs, vornehmlich auf die südliche Erdhalbkugel. Sollen sich doch die Inder, Brasilianer oder die Bewohner der Malediven mit Überschwemmungen, Erdrutschen und Wirbelstürmen hervorgerufen durch den Klimawandel rumschlagen. Wer dieses Verhalten näher verstehen will, dem sei das Werk „Neben uns die Sintflut“ des Soziologen Prof. Dr. Lessenich ans Herz gelegt. Weitere Ausführungen wären hier fehl am Platz.

Was für 1 Life!

Die Umweltbelastungen der Kaffeebecher sind aber nicht das einzige Übel, welches mir schon seit geraumer Zeit beim Gang über quasi jeden öffentlichen Platz Magenschmerzen beschert. Es ist auch insbesondere die Attitüde, welche mit den Coffee-to-go Bechern assoziiert und zur Schau getragen wird. Trotz technologischen Fortschritts, welcher selbstverständlich auch die Produktivität der Arbeitswelt zum Positiven hin verändert hat, arbeiten deutsche Arbeitnehmer statistisch gesehen heute mehr als im Jahr 2000. „Stress“ ist in aller Munde und das Gefährliche dabei: dieser wird noch nicht einmal als negativ angesehen. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass die natürliche Stressreaktion des Körpers auch positive Energie freisetzen kann. Beispielsweise bei der Flucht vor einem Säbelzahntiger oder einem ausgewachsenen Mammut. Alternativ kann dieser auch beim Hot-Yoga (Anm. des Autors: Vielleicht das nächste Thema worüber ich mich auslassen muss. Yoga bei 45 Grad, ganz ehrlich, ach egal…) abgebaut werden. Ganz im Gegenteil, gehört der Stress oder „Stress haben“ heutzutage zum guten Ton der Leistungsgesellschaft. Stress wird zum Statussymbol und zum Habitus einer Person. Er wird zur Schau gestellt und trägt zur Identifikation der eigenen Persönlichkeit dar. Ich habe Stress, also bin ich. „Na wie läufts bei dir in der Arbeit“ „Super stressig! Bei dir?“ „Ja auch!“. Was für 1 Life!

Nun stehen aber die „Gestressten“ vor dem Problem der fehlenden medialen Aufmerksamkeit ihrer Persönlichkeit. Wie also möglichst einfach den vollen Terminkalender und die extreme Wichtigkeit der eigenen Person zur Schau stellen? Wieder richtig – mit dem Kaffeebecher für unterwegs. Dass dabei der Kauf einer braunen Plörre aus einem Kaffeevollautomaten beim Bäcker oder einer großen amerikanischen Franchisekette im besten Falle für Konformität und sicherlich nicht Individualität steht, scheint dabei schwer zu begreifen zu sein.

Der Coffee-to-go Becher ist dabei Perversion in zwei Akten.

Kaffee war früher ein Luxusgut und der Konsum eben Dessen wurde zelebriert. Man denke nur an die alterwürdige Kaffeehauskultur Wiens oder die ersten Kaffehäuser im Istanbul des 16. Jahrhunderts. Ein Kaffee, egal in welcher Form, ist kein Grundnahrungsmittel, sondern ein Privileg und Luxusgut unserer westlichen und wohlhabenden Gesellschaft. Ein Kaffee lädt dazu ein sich mit Freunden an einen Tisch zu setzen und angehenehme Gespräche zu führen oder auch nur für ein paar Minuten bei einem Espresso in sich zu kehren und zu entspannen. Der Coffee-to-go Becher ist dabei Perversion in zwei Akten. Der Käufer dessen ignoriert nicht nur die Umwelteinflüsse dessen, sondern möchte auch Teil einer konformen Bewegung sein. Einer Bewegung der ewig Rastlosen und immer „Gestressten“, ein Teil derer die eben einfach keine Zeit haben, um sich für den Kaffeegenuss Zeit zu nehmen. Und überhaupt – Genuss, das ist doch nur etwas für Leute die keine Arbeit haben. Ich habe für mich selbst entschieden meine Zeit auf dieser Welt ist zu kurz um Kaffee aus Pappbechern im Gehen zu trinken. Außerdem möchte ich unsere Erde meinen Nachfahren auch nicht als Müllberg hinterlassen. Dafür verzichte ich gerne auf Instagramfotos mit Pappbecher, Armbanduhr und Autolenkrad. Wobei ich halt auch kein Auto habe…

G20 – Ein „Festival der Demokratie“ ?

Der G20-Gipfel als diskursives Ereignis

Mit seiner Prophezeiung, dass es Leute geben wird, die „sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist“, lag der damalige Oberbürgermeister Olaf Scholz einigermaßen daneben, denn die politischen, juristischen und gesellschaftlichen Konsequenzen sind auch heute noch nicht vollständig aufgearbeitet worden.1 Doch im (medialen) Diskurs wurde weit mehr verhandelt als nur der Gipfel selbst. Die Frage nach Protest, repräsentativer Demokratie und ihrer Legitimation sowie die Rolle der Polizei markierten die Eckpfeiler in der Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der Süddeutschen Zeitung (SZ), der tageszeitung (TAZ) und der BILD-Zeitung (BILD). Doch wie wurde Demokratie explizit verhandelt und lässt sich aus der medialen Begleitung des G20-Gipfel und der Ritos2 ein hegemoniales Verständnis ableiten? Um diese Fragen beantworten zu können, wurden Zeitungsartikel der o.g. deutschen Tageszeitungen vom 01.07.2017 bis zum 16.07.2017 in fünf Kategorien unterteilt: wie wurde über 1. den G20-Gipfel selbst, 2. den Protest, 3. die Demokratie 4. die Polizei berichtet und 5. Welche Reaktionen oder Forderungen ergaben sich daraus. Ziel war es zum einen Teil des Diskursfragments Demokratieverständnis abbilden und die darüber erzeugten und vermittelten Macht- und Wirklichkeitsstrukturen abbilden zu können.

Die Politik versus Das Politische

Demokratietheorie nach Mouffe/Rancière

Zunächst ist es hilfreich die Unterscheidung zwischen der Politik und dem Politischen zu verdeutlichen. Die belgische Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe wirbt in ihren Schriften für ein Demokratieverständnis, das den Streit und den Dissens in den Vordergrund des demokratischen Handels stellt. Sie grenzt sich hier klar von den liberalen und deliberativen Theorien (vgl. Rawls; Habermas) ab, die eher eine konsensuelle Gesellschaftsordnung in den Vordergrund rücken. Nach Mouffe ist Politik ein „Ensemble aus Praktiken Diskursen und Institutionen, die das menschliche Zusammenleben in einem Umfeld zu organisieren suchen, das stets potenziell konflikthaft ist, weil es von der Dimension des ‚Politischen‘ affiziert ist“3. Das Politische meint hier „die Dimension des Antagonismus, die in jeder menschlichen Gesellschaft angelegt ist“.4 Sie grenzt den Begriff ‚Antagonismus‘ jedoch ein und verweist auf einen Agonismus zwischen Gegnern, nicht zwischen Feinden (in Abgrenzung zu den Theorien von Carl Schmitt). Für die soziale Ordnung muss stets die Legitimität der politischen Opponenten anerkannt und gewahrt werden. Analog zu Mouffe argumentiert auch der französische Philosoph Jacques Rancière. Allerdings ersetzt er den Mouffes Begriff Politik mit dem der Polizei. Er versteht Polizei aber nicht nur als Durchsetzung exekutiver Gewalt sondern sieht sie eher in der Tradition der Policey und verweist auf eine „umfassende Idee des paternalistischen, seinen Bürgerinnen und Bürgern umhegenden Wohlfahrtstaat“.5 Zur Polizei ordnet Rancière, zusätzlich zu den Institutionen des Staates, auch die „sozialen Kräfte, Strukturen und Gegebenheiten“ ein, die konstitutiv für die normative Ordnung der Gesellschaft sind.6Das Politische, das von Rancière der Polizei gegenübergestellt wird, fordert die etablierte Ordnung heraus und stellt sie sogar in Frage: „Als politisch kann jene Tätigkeit bezeichnet werden, die einen Körper von dem ihm angewiesenen Ort anderswohin versetzt; die eine Funktion umkehrt, […] die das als Diskurs hörbar macht, was nur als Lärm vernommen wurde“7. Das Politische ist somit ein emanzipatorischer Vorgang, der die herrschenden Verhältnisse und den durch sie legitimierenden Diskurse kritisiert. Somit bilden Konflikt und Dissenses das konstitutive Element der demokratischen Kontingenz. In Bezug auf die in letzten Jahren herrschende Debatte um die Begriffe Postdemokratie äußern Mouffe, Laclau und Rancière ihr Unbehagen gegenüber des gegenwärtigen Zustandes der Demokratie und der westlichen Gesellschaften, da sich hier der gesellschaftsübergreifende Konsens gegen den demokratischen Konflikt durchgesetzt habe: „Die schändliche Identifikation des Politischen mit der Verwaltung des Kapitals ist […] vielmehr die erklärte Wahrheit, die unsere Regierungen zur Rechtfertigung dient“8. Die Hegemonie einer spezifischen Gouvermentalität und der damit einhergehende regressive Moment der Demokratie seien vor allem durch die neoliberalen Imperative von Wachstum, Unternehmergeist Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit gekennzeichnet und zielten stets auf einen konsensuellen Interessenausgleich in „strategischen Partnerschaften“9. Das Primat der Wirtschaft über das Politische mündet so in einer Politik der Sachzwänge und Alternativlosigkeiten, welche andere Gesellschaftsentwürfe im Keim erstickt.

Wahrheit und Herrschaft

Diskursanalyse nach Foucault/Jäger

In der gesellschaftlichen Praxis zeigt sich, dass es nicht das Demokratieverständnis gibt. Um aber herauszufinden, welches Demokratieverständnis sich als hegemonial durchgesetzt hat, lohnt es sich die Ebenen des Diskurses zu untersuchen; in diesem Fall die mediale Diskursebene. Der französische Philosoph Michel Foucault versteht Diskurs jedoch nicht bloß als „Gesamtheit von Zeichen (von bedeutungstragenden Elementen, die auf Inhalte oder Repräsentationen verweisen), sondern als Praktiken […], die systematisch Gegenstände bilden, von den sie sprechen.“10 Der schweizerische Historiker Philipp Sarasin verwendet an dieser Stelle die Metapher des Algorithmus, nach der die Diskursanalyse sucht, da so bestimmte Serien von Aussagen generiert und andere ausgeschlossen werden können. Es ist mehr als die Summe des Gesagten, nämlich das, was „gesagt werden kann, das System, das das Erscheinen der Aussagen als einzelne Ereignisse beherrscht.“11 Der Sprachwissenschaftler Siegfried Jäger baut sein Konzept der (kritischen) Diskursanalyse auf den theoretischen Arbeiten Foucaults auf. Er betont ebenfalls, dass es statt Wahrheiten historisch nur „jeweilige Gültigkeiten“ oder „Verfestigungen von Wahrheiten“12 gäbe. Wahrheit ist somit, historisch gesehen, „Wissen, das normativ und ideologisch verfestigt ist und durch Macht- und Herrschaftsbedingungen stabilisiert wird.“13 Diese Machtverhältnisse selektieren Wahrheitsdiskurse, aus denen gesellschaftliche Regeln und Normen resultieren. Demnach ist die Diskursanalyse ein Versuch, Aussagen über die diese Machtverhältnisse und die von ihnen (re)produzierten Wirklichkeiten zu treffen. Der Diskurs selbst ist immer nur ein Feld von Regelmäßigkeiten ist, das die Diskursanalyse lediglich versucht abzubilden und zu strukturieren.

Protest und Ausnahmezustand

Aus der Untersuchung der Diskursfragmente der vier deutschen Tageszeitungen lässt sich ein relevanter roter Faden ausmachen, der sich durch die gesamte mediale Berichterstattung aus dem ausgewählten Zeitraum zieht: der Aspekt des Ausnahmezustands. Der Ausnahmezustand ist dabei nicht als klar abgrenzbares Phänomen zu betrachten, sondern als ein Bild, das „über die Sprache erzeugt wird“ (Dießelmann 2015, S. 30), weswegen es sich lohnt, auf die Wahl der Worte zu achten. Er ist hier nicht etwas klar Benennbares – im Sinne einer verfassungsrechtlich geregelten Notstandsverordnung –, sondern eine abstrakte Vorstellung, die durch bestimmte Begrifflichkeiten und Szenenbeschreibungen konstruiert wird. Es fällt in diesem Zusammenhang auf, dass alle ausgewählten Zeitungen sich einer militarisierten Sprache bedienen (z.B. „Kriegsgebiet“ (TAZ), „bürgerkriegsähnliche Zustände“ (FAZ), „Krieg“ (FAZ) oder „Schlacht“ zwischen Polizei und „asozialen Gewalttätern“ (BILD).14 Unterstrichen wird dieses Narrativ mittels Szenenbeschreibungen von brennenden Barrikaden, vielleicht dem eingängigsten Bild, das Revolution und Häuserkampf symbolisiert. Menschen , die sich hinter aufgetürmten Gegenständen verschanzen, die Staatsmacht herausfordern und sich ihr widersetzen. Damit zusammenhängend wird auch die Rote Flora in den Mittelpunkt gerückt und als wahlweise die „Zentrale des Widerstands“ oder die „Kommandozentrale linker Marodeure“ tituliert. Der Aspekt des Umsturzes, also der Erschütterung des Staates in seinen Grundfesten, wird konsequenterweise in der Berichterstattung fortgeführt. So seien die Riots entweder eine „Kapitulation des Staates“ gewesen, die nur nicht als solche wahrgenommen wurde oder schlichtes „Staatsversagen“, das nach der Kölner Silvesternacht einen zweiten Vertrauensverlust in den Staat und sein Gewaltmonopol zur Folge gehabt habe. Dass mit FAZ und BILD zwei konservative Zeitungen durch die Riots das staatliche Fundament beschädigt sehen, mag wenig überraschen.15

Das vermittelte Bild des Ausnahmezustands ist jedoch differenziert zu betrachten. Auf der einen Seite gibt es die Idee eines souveränen Ausnahmezustandes, wie ihn Carl Schmitt oder Giorgio Agamben postulieren. Dabei wären wahlweise die Rioters zeitweise Souverän gewesen, oder aber der Staat hätte den Ausnahmezustand provoziert, um seine politischen Gegner gesellschaftlich zu delegitimieren und seine eigene Legitimation zu stärken. Diese Konzeption bietet sich für unser Verständnis jedoch nicht an. Denn aus einer diskurstheoretischen Sicht entscheiden weder der Staat noch die Rioters als einzelne Akteure über einen Ausnahmezustand, sondern das Wissen um diesen wird durch den Diskurs vermittelt. Erst durch die vorangegangen analysierte mediale Berichterstattung, so unsere Auffassung, wurde der Ausnahmezustand begründet. Wenn in diesem Sinne nun Rancière daran anknüpfend zwischen Polizei und Politik unterscheidet, so ist der politische Ausnahmezustand dann gegeben, wenn die „Politik die polizeiliche Ordnung infrage stellt und ihre Subjekte sich der Ordnung entziehen.“16 Im politischen Ausnahmezustand wird „das als Diskurs hörbar [gemacht], was vorher nur als Lärm vernommen wurde.“17 Die Polizei bestimmt im Normalzustand was Sprache ist und damit was als verstehbar wahrgenommen wird und somit wiederum wer überhaupt am Diskurs teilnehmen kann. Im politischen Ausnahmezustand wird diese Grenzziehung nun neu verhandelt. Für die Analyse des hegemonialen Demokratieverständnisses lässt sich nach unserer Analyse der Schluss ziehen, dass die konservativen Zeitungen FAZ und BILD Teil der polizeilichen Logik sind, während die TAZ grundsätzlich in der politischen Dimension zu verorten ist. An dieser Stelle zeigt sich somit die klassische Verteilung der Tageszeitungen an der Konfliktlinie der Links-Rechts-Skala, bzw. ihre Einordnung nach diesem Schema. Die SZ befindet sich dabei in einem Zwischenraum, schwankend zwischen beiden Logiken. Die Aufteilung FAZ und BILD sowie der TAZ in die beiden Dimensionen lässt sich exemplarisch an der unterschiedlichen Verwendung des Bildes vom rechtsfreien Raum festmachen, das immer wieder auftaucht. Für die FAZ und die BILD sind es Räumlichkeiten wie die Rote Flora, oder vergleichbare Einrichtungen. Räume, die es geschafft haben, sich der polizeilichen Ordnung dauerhaft zu entziehen. Es handelt sich um Orte, die durch politische Auseinandersetzungen entstanden, sich genommen wurden, und deren Funktion oder Aufgaben ihnen nicht zugewiesen wurden. Es sind Räume, die nicht in die polizeiliche „Körperordnung“ (Rancière 2010, S.82) passen und die, so die Befürchtung, metastasenartig in diesem Körper wuchern könnten. Auf der anderen Seite spricht auch die TAZ von rechtsfreien Räumen, jedoch meint sie damit die demonstrationsbefreiten Zonen während des Gipfels. Die politische, agonistische Auseinandersetzung als verbrieftes Grundrecht wurde hier außer Kraft gesetzt. Sowohl FAZ als auch BILD versuchen, durch ihre Diskursmacht das durch die Gegendemonstrationen eröffnete Sagbarkeitsfeld zu schließen und neu gebildete Kommunikatoren auf ihre angestammten Plätze zu verweisen, indem sie sich auf die Riots fokussieren, jedoch deren politische Konnotation negieren, sondern lediglich den Aspekt der Gewalt übermitteln. Dadurch erreichen sie zwei Dinge: erstens brauchen die hinter den Gewalttaten liegenden Motive so nicht mehr berücksichtigt werden. Eine Auseinandersetzung mit Anliegen, die nicht in die Ordnung passen, muss so nicht stattfinden. Zweitens ist es nun möglich, auch Personen, die zwar nicht an den Riots beteiligt waren, ihren politischen Hintergrund jedoch anerkennen, ebenfalls zu diskreditieren und aus dem Diskurs zu verbannen. Dies manifestierte sich in den Forderungen, die Linke in Deutschland müsse ihr Verhältnis zu Gewalt klären. Solange eine Affinität erkennbar wäre, so die Logik, sei es legitim sie aus dem Diskurs zu verbannen. Dass diese Forderung in der Tradition eines diskursiven Narratives steht lässt sich an der Tatsache festmachen, dass sich sogar die TAZ veranlasst sah, das politische Wesen, der sich gegen die polizeiliche Ordnung auflehnenden Individuen infrage zu stellen, da sie ebenfalls Bezeichnungen wie „Mob“ und „Randalierer“, bzw. „Partyvolk“ verwendete. Dies lässt starke hegemoniale Zwänge im Diskurs vermuten.

Die – vor allem von FAZ und BILD geforderte – Erhaltung der polizeilichen Ordnung drückt sich auch ganz manifest in der Forderung einer Stärkung exekutiver Kompetenzen aus. Dahinter verbirgt sich eine der zentralen Bestandteile des Ausnahmezustands. Nämlich die „kriseninduzierte Expansion der Exekutivkompetenzen“18. Da ist zum einen die Extremistendatei zu nennen, die trotz ebenfalls geäußerter Bedenken, eine der zentralen Forderungen im unmittelbaren Nachgang war. Die Forderungen lassen sich zusammenfassend auf eine Ausweitung exekutiver Kompetenzen herunterbrechen. Keine Ausweitung des Handlungsspielraums im eigentlichen Sinne, wohl aber eine stärkere Legitimierung durch die öffentlich wiederholte Solidaritätsbekundung19 erfuhr die institutionelle Polizei. Interessant ist im Zusammenhang zwischen Polizei und Riots ebenfalls noch, dass die FAZ letztere in ihrer Berichterstattung als „lebhaften politischen Diskurs“ verspottet, den „starke Männer“ wie Putin und Erdogan als „Schwäche und Wehrlosigkeit der westlichen Demokratien“ interpretieren könnten. Die BILD verhält sich hierbei ähnlich. Für sie ist ihre durchgehend genutzte Verwendung der Bezeichnung „Chaoten“ für die Rioters, sowie ihre Verteidigung des Kapitalismus als Gesellschaftsordnung – wohlgemerkt nicht Wirtschaftsordnung – beispielhaft. Sie führen damit fort, was Rancière in einem Aufsatz wie folgt zusammenfasste:

The end of the socialist alternative, then, did not signify any renewal of democratic debate. Instead, it signified the reduction of democratic life to the management of the local consequences of global economic necessity20

Hier lässt sich wiederum der Bogen zum theoretischen Überbau der Arbeit und Rancières Vermutung bzw. Vorwurf des Primats der Ökonomie schlagen. Die Gleichsetzung der demokratischen Ordnung mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung nach dem Zerfall der Sowjetunion lässt den Kapitalismus als Gesellschaftsordnung erscheinen, was sich in der Entleerung („exhaustion“) der politischen Debatte um diese ausdrückt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich diese Entleerung im hegemoniale (post)demokratische Politikverständnis, wie wir es in unserer theoretischen Verortung dargelegt haben, und wie es die Analyse gezeigt hat, zum einen in der faktischen Diskursmacht der polizeilichen Diskursträger FAZ und BILD ausdrücken. Diese Diskursmacht hängt in erster Linie mit der hohen Reichweitere der beiden Zeitungen gegenüber der TAZ zusammen. Darüber hinaus lassen sich starke Zwänge der polizeilichen Logik ausmachen, wie anhand der Wortwahl der TAZ gezeigt werden konnte. Durch die Konzentration auf den Aspekt der Gewalt werden alternative Gesellschafts- oder Demokratievorstellungen aus Diskurs ausgeschlossen und die polizeiliche Körperordnung vor einem Aufbrechen bewahrt werden.

Anmerkung: Dieser Blogeintrag ist die Kurzfassung eines Forschungsprojekts von Maximilian Scharffetter, Max Riegel und Nicolai Harnisch, das im Rahmen des MA Politikwissenschaften an der Universität Marburg realisiert wurde

1 Danken wollen die Verfasser dieser Stelle Herrn Prof. Dr. John Kannankulam, der sich bereit erklärte, das Forschungsprojekt trotz räumlicher Distanzen zu betreuen.

2 Wir orientieren uns bei der Charakterisierung der Ausschreitungen in Hamburg an der Definition von riot. Ein Riot ist demnach „angetrieben von Wut oder Empörung über verletzte Vorstellungen von Gerechtigkeit bzw. Würde und manifestiert sich als eine ungeplante und unkoordinierte Serie von zeitlich verdichteten kollektiven Gewaltakten gegen Sachen und/oder Personen.” (Rucht 2016, S. 29). Diese Definition erlaubt es, Riots nicht als bloßen Vandalismus abzutun, sondern ihren politischen Charakter ernst zu nehmen.

3 Mouffe 2007, S.44.

4 Ebd.

5 Flügel-Martinsen 2018, S.78.

6 Vgl. Mullis/Schipper 2013, S.81ff.

7 Rancière 2010a, S.83.

8 Rancière 2010a, S.147.

9 Swyngedouw, S.143.

10 Foucault 1981, S.74.

11 Sarasin 2008, S. 112.

12 Jäger 2004, S.215.

13 Ebd.

14 Die SZ hält sich im Vergleich zu den anderen Zeitungen dabei vergleichsweise vornehm zurück. Es wäre zu erwarten gewesen, dass die BILD als Boulevardzeitung von einer gewalttätigen Wortwahl am meisten Gebrauch machen würde, dies bestätigte sich jedoch nicht. Tatsächlich nehmen sich FAZ, BILD und TAZ in dieser Hinsicht nicht viel.

15 An dieser Stelle sei noch angemerkt, dass sogar die TAZ davon schreibt, dass das staatliche Gewaltmonopol „Politrandalieren und ihren Unterstützern im Partyvolk“ überlassen worden sei.

16 Leonhard 2017, S.52f. Anm. kursiv i. Org.

17 Rancière 2010, S.83.

18 Lemke 2017, S. 2.

19 Beispielsweise schaltete die BILD immer wieder Anzeigen in ihrer Zeitung, die zu Spenden für die beteiligten Polizisten aufriefen.

20 Rancière 2004, S.3f.

FOUCAULT, MICHEL (1981): Archäologie des Wissens, Suhrkamp, Frankfurt am Main.

HABERMAS, JÜRGEN (1984): Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns, Suhrkamp, Frankfurt am Main.

JÄGER, SIEGFRIED (2004): Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung; 4. Unveränderte Auflage, UNRAST-Verlag, Münster.

LEMKE, MATTHIAS (2017): Was heißt Ausnahmezustand? In: Matthias Lemke (Hg.): Ausnahmezustand. Theoriegeschichte – Anwendungen – Perspektiven. Wiesbaden (Staat – Souveränität – Nation, Beiträge zur aktuellen Staatsdiskussion), S. 1-12.

LEONHARD, CHRISTIAN (2017): Zwei Namen des Ausnahmezustandes. In: Matthias Lemke (Hg.): Ausnahmezustand. Theoriegeschichte -Anwendungen – Perspektiven. Wiesbaden (Staat – Souveränität – Nation, Beiträge zur aktuellen Staatsdiskussion), S. 41-56.

MOUFFE, CHANTAL (2007): Pluralismus, Dissens und demokratische Staatsbürgerschaft, in: Nonhoff, Martin (Hg.): Diskurs – radikale Demokratie – Hegemonie. Zum politischen Denken von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe, Bielefeld: transcript, S.41-53.

MULLIS, DANIEL/SCHIPPER, SEBASTIAN (2013): Die postdemokratische Stadt zwischen Politisierung und Kontinuität. Oder ist die Stadt jemals demokratisch gewesen?, in: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, Heft 2, S.79-100.

RANCIÈRE, JAQUES (2004): Introducing disagreement. In: Angelaki 9 (3), S. 3-9.

RANCIÈRE, JACQUES (2010): Gibt es eine politische Philosophie?, in: Rado Riha (Hg.): Alain Badiou. Jacques Rancière. Politik der Wahrheit, Wien: Turia + Kant, S.79-118.

RUCHT, DIETER (2016): Riots – Annmerkungen zu Begriff und Konzept, in: sub\urban. Zeitschrift für kritische Stadtforschung, Band 4, Heft 1, S.25-30.

SARASIN, PHILIPP (2005): Michel Foucault. Zur Einführung, Junius Verlag, Hamburg.

SWYNGEDOUW, ERIK (2013): Die postpolitische Stadt, in: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, Heft 2, S.141-158.