Die Methode Seehofer

Wie die CSU den Regierungsauftrag missbraucht

Der Duden definiert eine Krise als eine „Zeit, die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt“. Derzeit erleben wir in der deutschen Politik eine so nie dagewesene Aufführung eines Kasperltheaters. Der große und entscheidende Unterschied besteht darin, dass diese Aufführung in keinster Weise komisch ist, sondern eine Gefahr der weiteren Spaltung der deutschen Bevölkerung darstellt. Hauptprotagonisten des Stücks sind dabei die CSU um ihren Parteivorsitzenden und amtierenden Bundesinnenminister Horst Seehofer. Wo keine Krise ist, erschafft die CSU einfach selbst eine. Durch populisitsche Proklamatik und Sprache wird eine sogenannte „Flüchtlingskrise“ in das Jahr 2018 überführt. Ein Jahr mit den wenigsten Zuwanderungen und Flüchtlingsanträgen seit Jahren.

Unmenschlich und unrecht

Derzeit streiten sich die Unionsparteien CDU und CSU erbittert über Änderungen in der Flüchtlingspolitik und Seehofers Masterplan. Dieser sieht inbesondere Transitzentren an den deutschen Außengrenzen vor, in welchen Flüchtlinge, welche schon in anderen Ländern registriert worden sind, 48 Stunden festgehalten werden können um in das Land der Erstregistrierung zurücküberführt zu werden. Dies verstößt gegen geltendes Asylrecht, welches jedem das Recht auf die Prüfung eines Asylantrags zuspricht. Außerdem möchte die CSU diese Transitzentren, welche nichts anderes als Gefängnisse darstellen, auch zum rechtsfreien Raum machen. In diesen Zentren soll Flüchtlingen das Grundrecht eines Rechtsbeistandes sowie der Klage gegen die Abweisung an der Grenze entzogen werden. Ein ungeheuerliches Verfahren und eine Schande für jeden Rechtsstaat.

Der Masterplan Seehofers mit dem Schutz der deutschen Außengrenzen wird nicht nur von anderen Bundesländern wie Baden-Württemberg abgelehnt. Auch EU-Staaten wie das chronisch mit Flüchtlingsfragen alleingelassene Italien lehnen die Pläne ab. Ein Alleingang Bayerns, welchen Kanzlerin Merkel mit ihren Europaplänen versuchte zu verhindern, scheint für Seehofer die richtige Alternative zu sein. Nicht verwunderlich, wenn im Herbst diesen Jahres die Landtagswahlen in Bayern anstehen. Die CSU versucht hier eine Kopie der Alternative für Deutschland zu sein. Noch dazu bedient man sich mittlerweile auch den gleichen rhetorischen Mitteln. Wenn in Interviews von Flüchtlingen oder Asyl gesprochen wird, versuchen CSU-Politiker wie der bayerische Ministerpräsident Markus Söder Begriffe wie „Missbrauch“ oder „illegal“ im gleichen Atemzug zu verwenden. Darüberhinaus wird grundsätzlich nur vom männlichen Flüchtling gesprochen. Dies wird auch als „Framing“ bezeichnet. Dabei wird versucht im Gehirn des Zusehers eine Assoziation herzustellen: junger männlicher Flüchtling missbraucht das Asylrecht und reist illegal nach Deutschland. Dass es sich hierbei größtenteils um schutzbedürftige Menschen handelt, wird gerne vergessen.

Die erfundene Flüchtlingskrise

Die Flüchtlingspolitik ist im erst vor Kurzem von allen Regierungsparteien unterschriebenen Koalitionsvertrag klar geregelt. Nun mit einem von der kleinsten Partei entworfenen Masterplan, welcher humanistisch verwerflich und rechtlich bedenklich ist, eine Regierungskrise auszulösen, ist ein Missbrauch des Regierungsauftrages und eine handfester Skandal. Dabei zunächst, wie Seehofer, den Rücktritt als Innenminister und Parteivorsitzender verkünden zu wollen, um dann wenig später davon selbst wieder zurückzutreten, zeugt von politischem Wahnsinn. Ein Wahnsinn der bei Seehofer mittlerweile Methode ist und bereits in früheren Verhandlungen um Details angewandt wurde. Hierbei auch noch die Kanzlerin persönlich anzugreifen und ihr vorzuwerfen nur wegen einem selbst im Amt zu sein zeugt wiederum von politischem Größenwahn und menschlicher Schwäche. Die CSU riskiert aus Eigeninteresse und falschem Stolz eine Auflösung der gerade erst gebildeten Regierung, in einer Thematik, welche für den deutschen Bundesbürger von marginaler Bedeutung ist. Wir sprechen hier von im Jahr 26.000 Flüchtlingen welche an der deutschen Grenze ankommen und bereits in anderen Ländern registriert worden sind. Die Bundesrepublik hat derzeit circa 82,7 Millionen Einwohner. Die Zahl der Flüchtlinge enstpricht damit gerundet 0,031% der deutschen Bevölkerung. Derzeit ist sogar lediglich von den Flüchtlingen die Rede, welche an der Deutsch-Österreichischen Grenze ankommen. Am Grenzübergang zu Bayern werden derzeit jährlich 16.000 bereits registrierte Flüchtlinge gemeldet. Gleichzeitig steigen in Großstädten die Mieten soweit an, dass sich Normalverdiener und Studenten diese kaum noch leisten können. Der Freistaat Bayern hat im Jahr 2013 trotz der Mietproblematik 32.000 Genossenschaftswohnungen an den Privatinvestor Patrizia verkauft. Dieser Deal wird aufgrund von Geldwäscheverdacht nun sogar vom Landesgericht untersucht. Auch hat Bayern die deutschlandweit meisten Drogentoten zu verantworten, geschuldet einer rigorosen Drogenpolitik ohne Erfolg. Nicht einmal in einer Großstadt wie München gibt es überall Highspeed-Internet, während CSU Politiker bereits von Flugtaxis sprechen. Nun müssen bereits Bundes- und Landespolizisten die bayerischen Grenzen auf Autobahnen kontrollieren und bauen damit noch mehr Überstunden auf und fehlen bei Einsätzen im Landesinneren. Dies gleicht einer Castingshow „Bayern sucht den dümmsten Schlepper“, da die Grenzposten mit einem Umweg von fünf Minuten umfahren werden können. Fragt doch einmal bei den Bewohner der deutschen Grenzstadt Kiefersfelden nach. Wieder einmal reine Symbolpolitik der CSU. Nicht nur in Bayern, sondern in ganz Deutschland gibt es Themen, welche die Bevölkerung wirklich betreffen und ihren Alltag bestimmen. Das Asylrecht gehört sicherlich nicht dazu. Die AfD und Pegida haben es mit Hilfe der CSU geschafft eine Thematik zur Krise werden zu lassen, welche kaum Einfluss auf den Alltag der Bevölkerung hat.

Wählen heißt verändern

Die CSU ordnet derzeit alles dem alten Leitsatz Franz Josef Strauß‘ unter. „Rechts neben der CSU darf es keine demokratisch legitimierte Partei geben“, sagte der verstorbene frühere Ministerpräsident Bayerns. Die CSU versucht dies aber keinesfalls mit konservativ christlich-sozialer Politik. Sie bedient sich lieber populistischer Rhetorik und zündelt mit nationalistischem Ideengut. Während die CDU konservative Positionen vertritt, jedoch einen ideologischen Abstand zur AfD einhält, ist die CSU mittlerweile zur billigen Kopie der rechtsnationalen Oppositionspartei geworden. Glücklicherweise ist die Bundesrepublik Deutschland sowie der Freistaat Bayern noch immer eine funktionierende Demokratie und es bleibt uns Wählerinnen und Wählern überlassen diese fremdenfeindliche und propagandistische Politik der CSU am Wahltag in Bayern abzustrafen. Es hält sich wacker das Gerücht, es soll auch noch andere Parteien in Bayern geben als die CSU.

Wer stürzt endlich König Fußball?

Von der deutschen Sportlandschaft, welche eigentlich keine ist

Im Frühjahr geht es in Nordamerika Schlag auf Schlag. Fast alle Regionen der beiden Länder USA und Kanada sind angesteckt vom Fieber. Gespräche in den Büros in New York, Chicago oder Toronto, aber auch in den entlegensten Regionen von Arizona, South Carolina oder Sasketchawan, kennen meist nur ein Thema: Sport. Nachdem im Februar der Super Bowl im American Football mit einer gigantischen Inszenierung die Saison beendet, stehen im Basketball und im Eishockey die Playoffs an. Gleichzeitig startet mit der MLS die Regular Season im Fußball und die Baseball Profis schlagen fast im Tagesrythmus Homeruns. Motorsport wie die Formel 1 oder Nascar, Boxen, Tennis oder Golf begeistern Tausende in den Arenen und Millionen vor den Fernsehgeräten. Insbesondere seit dem ich selbst in Kanada lebe wird mir Eines noch bewusster klar. Während in Deutschland König Fußball regiert und maximal in Süddeutschland im Winter ein wenig Skibegeisterung ausbricht und im Norden der Handball erfolgreich ist, kann die USA und Kanada als Eldorado für Sportfans bezeichnet werden. Mindestens vier große Sportarten co-existieren äußerst erfolgreich nebeneinander. American Football, Basketball, Baseball, und Eishockey begeistern fast gleichermaßen die Massen. Jede Großstadt hat mindestens ein erfolgreiches Team in diesen Sportarten und die Medienberichterstattung sowie Sponsorengelder verteilen sich gleichermaßen auf die Wettbewerbe.

Eine selbsterfüllende Prophezeiung

In Deutschland liegt der Fokus fast ausschließlich auf dem Fußball. Sowohl in der Medienpräsenz als auch den Zuschauereinnahmen, Sponsoringgeldern und Gehältern der Sportler kann außer ein paar individuellen Ausnahmen kein Sport auch nur ansatzweise dem runden Leder das Wasser reichen. Im ZDF sind die drei meistgesehenen Sendungen 2017 Fußballspiele und auch bei RTL und der ARD bestimmt der Fußball die Top 3. Besonders bei den öffentlich-rechtlichen Sendern fehlt mir jegliches Verständnis für die extreme Fokussierung auf den Fußball. Während deutsche Beteiligungen bei Grand-Slam Turnieren im Tennis oder das Finale von Weltmeisterschaften im Volleyball mit deutscher Beteiligung im frei empfangbaren Fernsehen nicht zu sehen sind, zahlte das ZDF mit gebührenfinanzierten Geldern 54 Millionen Euro jährlich für die Rechte der Champions League Übertragung im Fußball. Wohl gemerkt, obwohl auch private Anbieter ihr Angebot abgegeben hatten und die frei empfangbare Übertragung somit gesichert gewesen wäre. Bei Privatsendern ist die Einschaltquote als reine Entscheidungsgrundlage nachvollziehbar, aber die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Programmauftrag. Augenmerk sollte nicht darauf liegen einen Sport der ohnehin bereits erfolgreich ist noch größer zu machen, sondern Randsportarten eine Chance zu geben die Massen zu begeistern. Die Programmdirektoren von ARD und ZDF weißen meistens auf die durchschnittlichen Sendezeiten der anderen Sportarten hin, die eine gerechte Verteilung von Sendeminuten vermuten lassen. Der Tübinger Sportsoziologe Helmut Diegl entgegnet hier, dass diese Sportarten zumeist auf Sendeterminen stattfinden welche „völlig irrelevant sind“. Der Fußball hingegen erhält die besten Sendeplätze, „hat daher auch die besten Quoten. Und wenn Quote gleichsam als demokratische Abstimmung verstanden wird, dann hat er das Spiel gewonnen.“ Dann habe man es, nach dem Ehrenpräsidenten des Deutschen Leichtathletikverband, mit einer selbsterfüllenden Prophezeiung zu tun.

Welch eine Schande 

Gleichzeitig steigen aufgrund der extremen Medienpräsenz Sponsorengelder, TV-Einnahmen und Gehälter der Fußballprofis in schwindelerregende Höhen. Unter den 15 meistverdienenden Sportlern in Deutschland sind zehn Fußballer. Während Bundesligaprofis Millionengehälter einstreichen, müssen andere deutsche Spizensportler mit deutlich weniger auskommen. Ein Studie des Bundesinstitut für Sportwissenschaft beziffert das durchschnittliche Monatseinkommen eines Spitzensportlers in Deutschland auf 1919€ brutto. Hierzu zählen sogar noch die finanzielle Unterstützung der Eltern sowie die Einkünfte aus Nebentätigkeiten. Welch eine Schande für eines der reichsten und sportlich erfolgreichsten Länder der Welt. Sandro Wagner, Fußballstürmer des FC Bayern München, ist übrigens der Meinung, dass selbst 12 Millionen Euro zu wenig Jahresgehalt für einen Fußballprofi sind. Dies sei aufgrund der enormen Entbehrungen welche die Spieler zu beklagen haben. Die Aussage ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Schwimmprofi der täglich nur aus Leidenschaft für seinen Sport stundenlang für Olympia trainiert oder einen Feldhockeyprofi der während einer Profikarriere ein Studium absolviert sowie einer Nebentätigkeit nachgeht. Moritz Fürste, seines Zeichens Welthockeyspieler, Olympiasieger sowie Welt- und Europameister, nahm genau dies auf sich. Fürste kritisierte Angela Merkel vor Kurzem für ihr Erscheinen bei der Deutschen Fußball Nationalmannschaft im Trainingslager in Österreich. Während die Fußballer einen regelmäßigen Besuch Wert sind, ließ sich die Bundeskanzlerin bei Olympia nicht sehen. Laut Fürste schafft die Politk keine Bedingungen für den Leistungssport um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Aufgrund dieser stiefmütterlichen Behandlung befindet sich Deutschland sportlich gesehen auf einem absteigenden Ast. Der Hockeyspieler, welcher gerade erst seine aktive Karriere beendete, setzt sich bereits seit vielen Jahren für eine gerechtere und ausgewogenere Berichterstattung und Beachtung von Sportarten in Deutschland ein.

Welche Botschaft vermitteln wir Kindern und Jugendlichen wenn der Dschungelkönig in Deutschland mehr verdient als ein Olympiasieger?

Insbesondere die Politik und die deutsche Medienlandschaft, respektive die öffentlich-rechtlichen Sender, sind gefragt wenn es um eine ausgewogenere Sportlandschaft in Deutschland geht. Ein eigenes Sportministerium würde den Stellenwert des Sport sicherlich mehr Ausdruck verleihen. Sport verbindet Menschen über alle Alterklassen, Geschlechter, sexuelle Orientierungen, Religionen und deren Herkunft hinweg. Dabei hält der Sport nicht nur gesund, sondern lehrt besonders Kindern und Jugendlichen wichtige Werte für das spätere Leben. Harte Arbeit und Disiplin machen Erfolg aus. Respekt für den Gegner und aufrichtiges Benehmen auch in der Niederlage sind Grundprinzipien. Im Teamsport lernen Kinder früh was es heißt, sich für Schwächere einzusetzen und im Team einen eigenen Beitrag zum Mannschaftserfolg zu leisten. All das soll, kann und will nicht nur der Fußball leisten. Der ehemalige deutsche Weltklasseschwimmer Markus Diebler schrieb nach Olympia 2012 in London auf facebook „In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20.000 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150.000 Euro, sollte sich niemand über fehlende Medaillen wundern“. Welche Botschaft vermitteln wir Kindern und Jugendlichen wenn der Dschungelkönig in Deutschland mehr verdient als ein Olympiasieger?

Wenn der freie Markt die Sportlandschaft nicht abwechslungsreich gestalten kann, müssen Regulierungen dabei helfen. Diese können politisch auferlegt sein, wie eine massive Ausweitung der deutschen Sporthilfe. Bisher ist diese weder von Staat noch Bund unterstützt. Allerdings sind auch die Verbände selbst gefragt. Selbst die FIFA, UEFA sowie die DFL müssen sich langfristig hinterfragen, wie lange sie die endlose Gehalts- und Transfergelderspirale mitmachen wollen und können. Financial Fairplay ist längst gescheitert und im Fußball beginnt der schleichende Verfall.

Eine abwechslungreiche Sportlandschaft ist für die internationale Wetbewerbsfähigkeit des deutschen olympischen Sports unabdingbar. Auch wenn wir von einer flächendeckenden Übertragung der jeweiligen Ligen noch weit entfernt sind, sollten zumindest anstatt jedem Freundschaftspiel im Fussball die Großereignisse mit deutscher Beteiligung frei empfangbar gezeigt werden. Noch ein Finale in Wimbledon, der Beachvolleyball Weltmeisterschaft oder Hockey Championsleague mit deutscher Beteiligung ohne Medienpräsenz trägt den deutschen Sport endgültig zu Grabe.

„Also ich hab noch keinen einzigen Sklaven in Katar g’sehn“

Von der Farce des unpolitischen Sports

Die Deutsche Fußballnationalmannschaft vertritt und verkörpert die deutsche Bevölkerung wohl in so  manchem Aspekt mehr als die aktuelle Bundesregierung. Während Deutschland im Jahr 2018 mulitkulturell geprägt ist und viele deutsche Staatsbürger mit Migrationshintergrund beherbergt, sitzt im Kabinett der aktuellen Regierung nicht ein einziger Minister beziehungsweise Ministerin mit Migrationshintergrund. Mitunter die erfolgreichsten Spieler der Nationalmannschaft haben einen türkischen Familienhintergrund und eine deutsche Staatsbürgerschaft.

Ein grobes Foul

Als sich am vergangenen Wochenende die in der englischen Premier League spielenden Akteure Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ablichten ließen, war der Aufschrei in der deutschen Bevölkerung sowie der deutschen Politik- und Medienlandschaft groß. Cem Özdemir, langjähriger Bundesvorsitzende der Grünen erzürnte sich, ob der Aktion der Nationalspieler. „Der Bundespräsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag“, sagte Özdemir. Die stellvertretende Linksfraktionschefin Sevim Dagdelen sprach gar von einem „groben Foul“ wenn deutsche Nationalspieler mit dem türkischen Staatspräsidenten posieren und ihn sogar hofieren „während in der Türkei Demokraten verfolgt und kritische Journalisten inhaftiert werden“. Selbst DFB-Präsident Rainhard Grindel sprach davon, dass sich Özil und Gündogan „für Wahlkampfmanöver missbrauchen lassen“ und der Fußball sowie der DFB für Werte stehe, welche Erdogan nicht hinreichend beachtet.

Während die kritschen Stimmen immer lauter wurden, meldete sich auch DFB-Teammanger Oliver Bierhoff zu Wort und sprach davon, dass die Spieler sich der Symbolik des Fotos wohl nicht bewusst waren. Auch Gündogan selbst nahm zu den Vorwürfen rasch Stellung. Der Spieler von Manchester City sprach von einer „Geste der Höflichkeit gegenüber dem Amt des Präsidenten sowie unseren türkischen Wurzeln“. Es sei auch nicht die Absicht gewesen mit dem Bild „ein politisches Statement abzugeben“. Insbesondere die letzte Aussage zeigt relativ deutlich was größtenteils im Fußball in Bezug auf Politik falsch läuft. Grundsätzlich ist das Posen mit einem Despoten, welcher politische Feinde sowie Journalisten ohne Gerichtsverfahren sowie anhand von Anklagepunkten welche jeglicher Grundlage entbehren einsperren lässt, absolut verabscheuungswürdig. Einem Staatspräsidenten mit diktatorischen Zügen damit auch noch die gewollte Propaganda und Wahlkampfunterstützung zu bieten, muss seitens des Deutschen Fußball Bundes sanktioniert werden. Eine Geste der Höflichkeit ist ein Handschlag oder eine Begrüßung. Sicherlich zählt das überreichen eines Trikots, bei einem eigens dafür einbestellten Treffen, mit der Aufschrift „Mit großem Respekt für meinen Präsidenten“ nicht dazu. Dies ist, entgegen der blödsinnigen Behauptung Gündogans, ein klares politisches Statement. Man stelle sich die gleiche Szene mit Manuel Neuer vor, wie er Alexander Gauland ein Trikot mit der Aufschrift „Mit großem Respekt für meinen Bundestagsabgeordneten“ überreicht. Die wenigsten würden dies wohl als reine „Geste der Höflichkeit“ titulieren. Dies zeigt nur deutlich die Problematik des Fußballs auf. Der Sport und insbesondere der Fußball ist eben, nicht wie oftmals anderweitig behauptet, doch politisch. Wie könnte er dies auch nicht sein? Milliarden Menschen auf dem Globus verfolgen Fußball und die Spieler sind Vorbilder für Kinder und Jugendliche weltweit. Die Statements und Instagramposts ihrer Stars zählen für die Heranwachsenden mehr als die Aussagen irgendwelcher Politiker. Wenn sich also nun ein deutscher Nationalspieler mit dem menschenrechtsverletzenden Staatspräsidenten der Türkei ablichten lässt, sagt er damit auch: „Ach komm, die paar eingesperrten Journalisten und politischen Feinde sind doch nicht so schlimm. Ist doch ein höflicher Despot.“ Wer sich dieser Logik als deutscher Nationalspieler entzieht ist entweder wahlweise ein Lügner, wenn er den Sachverhalt versteht aber leugnet, oder einfach nur zu dumm um die Tragweite zu begreifen. Ein solches Foto und ein solcher Termin ist immer ein politisches Statement und sagt zumindest aus, dass die Sportler die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei dulden, wenn nicht sogar die repressive Politk Erdogans unterstützen. Es geht dabei auch keinesfalls darum, Spielern mit Migrationshintergrund eine Verbundenheit mit der Heimat ihrer Eltern abzusprechen. In diesem Falle, würden die Spieler den Rechtspopulisten der AfD und ihren rechtsextremen Hasstiraden zum Fraß vorgeworfen. Selbstverständlich kann ein deutscher Nationalspieler seine Verbundenheit mit seinen türkischen Wurzeln auch öffentlich zum Ausdruck bringen. Ein Foto mit Geschenkübergabe für einen autokratischen Herrscher mit totalitärem Machtanspruch ist ein Schlag ins Gesicht für alle inhaftierten Journalisten und Demokraten in der Türkei. Wie wäre es den stattdessen mit einem Foto mit dem Journalisten Deniz Yücel gewesen? Dies wäre sowohl eine Geste der Heimatverbundenheit, als auch eine klare Positionierung für demokratische Werte und Menschenrechte gewesen.

Keine Sklaven gesehen

Der Fußball, insbesondere Großvereine und der DFB, wollen ihre politische Strahlkraft immer wieder herunterspielen. Rassismus und Gleichberechtigungskampagnen sind schön und gut. Aber zur Weltmeisterschaft nach Russland, einem Land in dem politische Feinde und Journalisten auf offener Straße erschossen werden und pseudo-demokratische Wahlen durchgeführt werden sowie Homosexuelle alltäglichem Hass ausgesetzt sind, tritt der DFB gerne an. Die Situation in Katar, Ausrichter der Weltmeisterschaft 2022, nimmt der DFB „besorgt zur Kenntnis“. Besorgt zur Kenntnis nehme ich den achten Tequila-Shot meines besten Freundes, aber bei der Verletzung von Menschenrechten und Sklaverei darf es schon ein wenig mehr sein. Allerdings hat  Franz Beckenbauer die Lage umgehend geprüft und in Katar „keine Sklaven gesehen“. Die Welt darf beruhigt aufatmen. Was für ein Zeichen wäre es, würden der DFB und andere große Verbände ihre Teilnahme verweigern oder zumindest öffentlichkeitswirksam an die Bedingung der lückenlosen Aufklärung knüpfen. Wer so etwas für realistisch hält, glaubt wohl auch, dass die betrügerischen Banker der Finanzkrise oder Martin Winterkorn für den Dieselskandal ins Gefängnis wandern, beziehunsgweise alternativ an den Weihnachtsmann. Hierbei erscheint es natürlich als reine Heuchelei, wenn der DFB-Präsident das Verhalten der Nationalspieler kritisiert und selbst aber nichts konkretes unternimmt und auch davor zurückschreckt selbst klare Positionen zu beziehen wenn es um eine Teilnahme der Nationalmannschaft bei erwähnten Großereignissen geht.

Ein Verhalten, welches gar nicht genug gelobt werden kann und höchsten Respekt verdient.

Dabei ist es keinesfalls so, dass der Sport grundsätzlich immer unpolitisch bleibt. Die besten Beispiele für das exakte Gegenteil ereigneten sich in den USA. Bei den olympischen Spielen 1968 reckten die Sprinter Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerzeremonie die rechte Faust gen Himmel. Eine Geste für Bürgerrechte und gegen Rassismus in ihrem Heimatland. Muhammad Ali verweigerte den Wehrdienst und verlor deshalb sogar seinen Weltmeistertitel. Ali sagte damals „Nein, ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen“. Erst vor kurzem gab es Proteste gegen Rassismus in der NFL, als vornehmlich afro-amerikanische Spieler während der Nationalhymne auf die Knie gingen und daraufhin von US-Präsident Donald Trump als „Hurensöhne“ beschimpft wurden. Als die Golden State Warriors 2017 den Titel der NBA gewannen, weigerte sich ihr bester Spieler Stephen Curry die obligatorische Einladung ins weiße Haus zu Präsident Trump anzunehmen. Scheinbar haben diese Sportler ihre enorme Strahlkraft und ihren Einfluß in der Öffentlichkeit verstanden und nutzen diese um politsche Positionen zu beziehen, welche Ihnen sogar persönlich schaden. Ein Verhalten, welches gar nicht genug gelobt werden kann und höchsten Respekt verdient. Auch in Deutschland gibt es mit dem Zweitligisten FC St.Pauli ein herausragendes Vorbild, wie der Sport authentisch für gesellschaftliche und demokratische Werte einstehen kann.

Gute Beispiele gibt es also zur Genüge. Es wird Zeit, dass sich der DFB und seine Spieler ihrer Wirkung in der Öffentlichkeit bewusst werden und diese für die richtigen Zwecke einsetzen. Vielleicht auch wenn es kurzfristigen persönlichen Schaden bedeutet. Das Posing mit einem Menschenrechtsverletzer zählt eher nicht als richtiger Zweck. Die Drohung einer Nicht-Teilnahme des Weltmeisters an einer Weltmeisterschaft hätte sicherlich mehr Wirkung als „besorgte Kenntnis“. Vielleicht fragt Rainer Grindel auch einfach beim Vorstandsvorsitzendes des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge an. Der FC Bayern testet jeden Winter die Menschenrechtslage in Katar auf Herz und Nieren. Welch ein glücklicher Zufall.

 

Quo vadis SPD?

Warum die deutsche Sozialdemokratie eine Runderneuerung benötigt

Würde ich gebeten werden, die krachende Niederlage der SPD und ihres Kanzlerkandidaten Martin Schulz beim Bundeswahlkampf 2017 in einem Wort zusammenzufassen, fiele mir dies relativ einfach: Würselen. Ein Politiker mit internationalem Format als  einer der einflussreichsten EU-Parlamentspräsidenten der Geschichte, wurde zum Bürgermeister einer Kleinstadt degradiert. Wissentlich und beabsichtigt, vermutlich mit dem Ziel der Volksnähe, machte sich die deutsche Sozialdemokratie in Form der SPD und Martin Schulz mal wieder kleiner und unbedeutender als sie ist.

Sind wir zu bequem geworden?

Martin Schulz war insbesondere mit dem Versprechen von mehr sozialer Gerechtigkeit angetreten. Einem Thema wie geschaffen für die designierte Arbeiterpartei und noch dazu hochaktuell sowie von enormer Dringlichkeit. Deutschland thront an der Spitze der ungerechtesten Länder der Euro-Zone. Nirgendwo sind Vermögen ungleicher verteilt als in der Bundesrepublik und die Kluft zwischen Arm und Reich wird kontinuierlich größer. Mehr als jedes fünfte Kind in Deutschland lebt dauerhaft oder wiederkehrend in Armutsverhältnissen. Die Bertelsmann-Stiftung spricht von nachweislich schlechteren Chancen für diese Kinder in der Schule. Während die Wirtschaft boomt und dies insbesondere Unions-Politiker immer wieder betonen, steigen die Reallöhne in Deutschland kaum. Zeitgleich werden hohe Kapitalerträge geringer besteuert als Einkommen. All dies führt dazu, dass die Schere zwischen „Normalverdienern“ und „Super-Reichen“ immer weiter auseinander geht. Aber warum interessiert dies kaum jemanden in Deutschland? Warum demonstrieren wir nicht täglich gegen diese beschämenden Missstände in einem der reichsten Länder der Welt? Sind wir zu bequem geworden? Hat Eko Fresh recht wenn er rappt „Ihr habt alle reiche Eltern und sagt Deutschland hat kein Ghetto“? Die SPD schafft es jedenfalls nicht mit dieser Thematik die Massen zu bewegen.

Gefühlter Wohlstand als Opium für das Volk

Grundsätzlich bin ich nicht der Meinung, dass die heutige Generation weniger politisch ist als vorangegangene Generationen. Allerdings wirkt der gefühlte Wohlstand des Großteils der Bevölkerung wie Opium für das Volk. War es früher nach Karl Marx die Religion, so ist es heute der Trip mit dem Billigflieger nach Mallorca der die Bevölkerung ruhigstellt. Zumindest metaphorisch gesprochen. Mahnwachen für totbeißende Kampfhunde finden im Internet mehr Anklang als für Kinderarmut. Es wäre allerdings zu einfach den Schuldigen nur in der Gesellschaft zu suchen. Die SPD hat in den letzten Jahren, sogar Jahrzehnten, eklatante Schwächen aufgezeigt sowie strategische Fehler begangen. Diese Fehler in Verbindung mit dem verkorksten Wahlkampf im Jahr 2017, haben für das schlechteste Ergebnis der SPD bei einer Bundestagswahl seit 1949 geführt. Warum liegt die Sozialdemokratie in Deutschland am Boden und wie kann sie sich wieder aufrichten?

Eine stolze Partei macht sich klein

Die SPD ist zu Recht Stolz auf ihre über 150 Jahre alte Geschichte. Eine der Sternstunden der Partei ereignete sich im Jahr 1933 als sich Otto Wels und die SPD als einzige Partei gegen das Ermächtigungsgesetz Hitlers stellt. Auch nach 1949 prägt die Partei mit drei Bundeskanzlern historisch die Geschichte dieses Landes. Allerdings ist die SPD heute nur noch ein Schatten ihrer selbst. Aufgrund von Angst vor wirklicher politischer Konfrontation macht sich die Partei klein. Trotz grundsätzlich guter Ideen im letzten Wahlkampf, wie beispielsweise dem Chancenkonto für alle Bundesbürger, bietet die Partei keine echte Alternative zur regierenden CDU und dem „Weiter so“ der Kanzlerin Merkel. Mit dem Wahlkampf-Slogan „Deutschland kann mehr“ entschied sich die Parteispitze  für den austauschbaren und nichtssagenden Ausspruch den peinlicherweise sogar die Kanzlerin selbst in Reden vor einigen Jahren verwendete.

Dabei verliert sich die Partei im Klein Klein der Politik. Das beste Beispiel hierfür ist die sachgrundlose Befristung. Sicherlich ein wichtiges Thema, allerdings betrifft es nur einen winzigen Anteil der Bevölkerung. Wie soll damit die Masse begeistert werden? Abgesehen davon, dass weder der Vorschlag der SPD noch der Union die sachgrundlose Befristung verhindern, da diese in den meisten Fallen eben nicht „sachgrundlos“ ist. Ein solcher Grund findet sich für Konzerne schnell. Die Partei verliert sich in Details, statt den Blick für die großen Veränderungen und Fragen unserer Zeit zu entwickeln. Wo bleiben die Visionen wie Deutschland in fünf, zehn oder 50 Jahren aussehen soll? Die Partei bleibt Antworten schuldig auf die großen und grundlegenden Fragen unserer Zeit: Wie stellt sich Deutschland im Zeitalter der Digitalisierung auf? Wie sieht der Arbeitsmarkt der Zukunft aus? Wie gelingt uns eine gerechtere Verteilung des enormen Wohlstandes unseres Landes? Wie begegnen wir dem Klimawandel? Mit welchen konkreten Plänen begegnet Europa den Gefahren des Populismus? Wer nun berechtigterweise entgegnet, diese Antworten habe doch die regierende Union und Kanzlerin Merkel auch nicht, dem sei gesagt, dass der Herausforderer nunmal grundsätzlich mehr bieten muss für einen Regierungswechsel. Emmanuel Macron gewann auch deshalb die Präsidentschaftswahlen in Frankreich, weil er sich traute große Visionen und Veränderungen anzusprechen. Sein Wahlkampf zeichnete sich durch die Vision des Europas der Zukunft aus. Macron wurde damit zur wirklichen Alternative zur Populistin und Europakritikerin Marine Le Pen. Eine Technokratin herrscht bereits seit über einem Jahrzehnt in Berlin. Wieso traute sich die SPD dann nicht eine echte Alternative zu bieten?

Die nüchterne Technokratin aus der Uckermark

Im vor Kurzem erschienen Werk von Markus Feldenkirchen „Die Schulz-Story“ wird sehr detailiert die Arbeit der Parteien in Deutschland beschrieben. Meinungsforschung und Umfragen sind der Mittelpunkt jeden Programms. Jede Aussage eines Spitzenpolitikers wird vorab mit Fokusgruppen getestet. Es ist kein Platz mehr für Ideale und kontroverse Ideen. Politiker trauen sich schlichtweg nicht mehr eine klare Position zu beziehen oder gar revolutionäre Ideen zu vertreten. Kein Wunder, wenn Die Grünen mit ihrem zaghaften Versuch der deutschen Bevölkerung durch die Idee eines Veggie-Day weniger Fleischkonsum beizubringen passenderweise wie die Sau durchs Dorf getrieben wurden. Einen großen Anteil an dieser Entwicklung hat zweifelsohne die Kanzlerin Angela Merkel. Mit ihrem technokratischen Stil untergräbt die Kanzlerin  jegliche inhaltliche politische Auseinandersetzung. Der Stil des oftmals proklamierten „Weiter so“ lässt bewusst jegliche Vision vermissen. Merkel steht dabei seit Jahren für eine Politk des Reagierens statt Agierens. Handeln nach Idealen ist dabei ein Fremdwort für Merkel. Nicht einmal bei dem hochemotionalen Thema der Ehe für alle kann sich die Kanzlerin für eine klare Position entscheiden. Öffentlich spricht sie sich für die Öffnung der Ehe für Homosexuelle aus, stimmt aber im Bundestag aus Parteikalkül dagegen. Allerdings bewusst einen anderen Weg einzuschlagen und klare, kontroverse Positionen zu beziehen traut sich auch die SPD nicht, obwohl schon mit Steinmeier und Steinbrück zuvor zwei Kanzlerkandidaten  bei Bundestagswahlen krachend gescheitert sind. Schulz hatte im Wahlkampf Angela Merkel einen Angriff auf die Demokratie vorgeworfen. Dies half der CDU mehr als der SPD. Der Kanzlerin eines demokratischen Rechtsstaats dies vorzuwerfen war nicht nur die falsche Wortwahl, sondern ging auch am Kern des Problems vorbei. Nicht die Demokratie ist gefährdet, sondern der Zukunftsstandort Deutschland, wenn weiterhin statt zukunftorientierter Politik der Stil des „Weiter so“ ohne strategische Ausrichtung und Visionen praktiziert wird.

Die Arbeiterpartei ist tot – Lang lebe die SPD

Sollte die SPD in absehbarer Zeit wieder die Bundeskanzlerin stellen  und die stärkste Kraft in Deutschland werden wollen, muss die Partei sich neu erfinden. Das Alleinstellungsmerkmal der Arbeiterpartei ist tot. Den klassischen Arbeiter oder Malocher gibt es schlichweg fast nicht mehr. Trotzdem wird dieses Bild weiterhin öffentlichkeitswirksam nach außen getragen wenn in jedem Wahlkampf SPD-Politiker, welche als Akademiker eine Zeche noch nie von innen gesehen haben, mit Helm und Blaumann durch Bergwerke gescheucht werden. Die SPD scheint hier nicht begreifen zu wollen, dass die Digitalisierung sowie Globalisierung den Arbeitsmarkt grundlegend verändert haben. Was vor 150 Jahren zur Entstehung der Partei führte, ist deshalb nicht das Zaubermittel im Zeitalter von künstlicher Intelligenz und selbstfahrenden Autos. Allerdings sind sozialdemokratische Werte heute wichtiger den je und der Ruf nach ihnen wird in der Gesellschaft immer lauter. Insbesondere Freiheit, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Solidarität sind auch im Jahr 2018 von enormer Wichtigkeit. Die SPD war schon immer die „Kümmererpartei“ Deutschlands und darauf sollte sie sich auch heute fokussieren. Dabei dürfen sozialdemokratische Werte keine leeren Worthülse sein, sondern müssen unser Land wirklich gerechter machen. Die Aufgabe der SPD muss es sein sich darum zu kümmern, dass alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen von den Errungenschaften unserer Zeit profitieren.

Im Frühjahr des letzten Jahres überholte die SPD kurzzeitig die Unionsparteien in Wählerumfragen. Der nur kurz andauernde Hype um Martin Schulz zeigte das Grundbedürfnis der deutschen Bevölkerung nach Veränderung und Wandel. Auch sollte es der SPD Mut machen, dass weiterhin ein Wählerpotential von über 30 Prozent vorhanden ist. Wo bleibt also die sozialdemokratische Revolution? Wo bleibt die wirkliche sozialdemokratische Alternative zur CDU/CSU? Es reicht eben nicht aus Arbeitsgruppen und Fachkreise zu bilden, wenn sich dann niemand traut Visionen und Zukunftspläne auch öffentlich zu kommunizieren. Dabei muss man sich auch endlich trauen wieder kontroverse Ideen zu vertreten. Die Demokratie lebt schließlich von Debatten und Diskussionen. Helmut Schmidt hatte einmal gesagt „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“. In Zeiten in denen das Bedürfnis nach Orientierung stärker wird und sich die Welt beschleunigten Veränderungen gegenüber sieht, gilt der Ausspruch des verstorbenen Altkanzlers nicht mehr. Im Gegenteil, braucht es gerade heute strategische Zukunftspläne und eine agierende Politik. Die SPD hat die Chance, dies zu ihrem Markenkern zu machen.

Jetzt kriegen sie in die Fresse

Doch es gibt Hoffnung. Mit Andrea Nahles wurde auf dem SPD Parteitag nicht nur die erste Frau mit dem Parteivorsitz der SPD betraut, sondern es soll nun auch an die Erneuerung der Partei gehen. Der Parteitag stand sogar unter dem Motto SPD erneuern und wartete auch mit dem passenden Hashtag auf (#SPDerneuern). Nahles selbst sprach davon, dass es Aufgabe der SPD sei, die großen Fragen unserer Zeit zu beantworten. „Freiheit ist das Wichtigste. Gerechtigkeit ist unser Ziel. Aber Solidarität ist doch das, woran es am meisten fehlt in dieser globalisierten, neoliberalen, turbodigitalen Welt“, rief Nahles unter dem Beifall der rund 600 Delegierten. Nahles sprach davon eine solidarische Marktwirtschaft sowie einen solidarischen Ordnungsrahmen zu schaffen. Es bleibt abzuwarten, ob die SPD den Mut aufbringt polarisierende Positionen zu vertreten oder ob es bei leeren Worthülsen bleibt. Persönlich halte ich viel von Nahles und empfinde ihre unangepasste Art als erfrischend im stocksteifen deutschen Politikbetrieb. Außerdem wurde es Zeit, dass nach 150 Jahren eine Frau die Geschicke der ältesten deutschen Partei lenkt.

Die Erneuerung der Partei ist auch keine Frage von linker Partei oder Partei der Mitte. Es geht darum Mut zu beweisen und die Probleme dieses Landes endlich anzugehen. Also SPD: Mehr Revolution wagen!

Eine Ode an die Klassik

Anfang und Ende aller Musik

Bing. WhatsApp Nachricht. Bing. Instagram Benachrichtigung. Bing. Tinder Match. Bing. Neue Email-Nachricht. Bing. Snap. So geht das bei den meisten von uns den ganzen Tag. Das Smartphone ist der Mittelpunkt jeglicher Kommunikation. Vielleicht sogar der Mittelpunkt des Tages. Die meisten von uns können sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen. Einer Studie der Marketing-Agentur Tecmark zufolge, greifen wir im Schnitt 1.500 mal in der Woche zum Smartphone. Das sind 214 mal pro Tag. Grundsätzlich ist das auch gar nicht schlimm, verbindet das Smartphone doch viele Nutzungen wofür es noch vor Jahren mehrere verschiedene technische Geräte gebraucht hat. Auch hat das Smartphone vieles im alltäglichen Leben erleichtert, sei es Musik hören, navigieren, kommunizieren oder auch nur Selfies mit Hundeohren verschicken. Besonders Letzeres war noch vor Jahren nur mit einiger vorhergehender Planung und Vorbereitung für mich möglich. Doch bewirkt das Smartphone etwas, das wir unter Umständen gar nicht bewusst wahrnehmen. Wir konsumieren ständig. Es gibt keinen Moment der wirklichen Ruhe mehr. Oder wann habt ihr das letzte Mal nichts gemacht? Absolut gar nichts?

Ich bin in diesem Blogartikel selbstkritisch. Auch ich nutze mein Smartphone sehr viel und möchte ständig erreichbar sein und nichts verpassen. Sitze ich in der S-Bahn oder warte auf den Bus, dann checke ich noch schnell Instagram oder meine WhatsApp Nachrichten. Zwar hat dies bisher keine negativen Auswirkungen, aber es fällt mir zumindest auf. Doch vor einiger Zeit entdeckte ich etwas wieder das mir beim absoluten Abschalten und Nichtstun hilft: klassische Musik.

Das Werk eines Genies

Tokat, Kopf ab, Mortal Kombat, Vollkontakt a la Ong-Bak, komm ran. Ich höre gerne Deutsch-Rap. Mein iPhone ist voll mit Classic-Rock von Tom Petty, Bruce Springsteen oder Queen. Austro-Pop hat noch jede Fahrt in die Berge zu einem Erlebnis gemacht und jede neue Indieband muss erst einmal auf Herz und Nieren geprüft werden. Allerdings löst keine dieser Musikrichtungen und keiner dieser Interpreten das aus was die klassische Musik auszulösen vermag. Als vor kurzem der 333.Geburtstag von Johann Sebastian Bach anstand, widmete ich mich nach langer Zeit mal wieder seinem Werk. Der vielleicht größte Komponist aller Zeiten hat ein Werk hinterlassen, welches seinesgleichen sucht. Eine nicht zu übertreffene Vielfalt. Eine Variation an Gefühlen und Stimmungen die so nie wieder erreicht wurde. Kurzum: Das Werk eines Genies. In der Ausgabe der ZEIT vom ersten April heißt es, dass Menschen die nicht an Gott glauben beim Hören der Werke von Bach religiös werden.

Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten!

Am 31. März, dem Geburtstag von Bach, tat ich etwas, das ich auch euch ans Herz legen möchte. Ich nahm mir 15 Minuten meines Lebens Zeit, um mir eines der wunderbarsten und faszinierendsten Werke Bachs komplett und ohne Unterbrechung oder Ablenkung anzuhören. Legt das Smartphone weg. Sucht euch einen bequemen Platz zum Sitzen oder Liegen. Setzt Kopfhörer auf, schließt die Augen und hört euch folgendes Werk an: die Chaconne. Gebt nicht nach ein paar Minuten schon auf. Hört einfach nur zu. Denn wie Albert Einstein schon meinte „Was ich zum Lebenswerk von Bach zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten!“

Die Chaconne wird oftmals als größtes Werk der Klassik beschrieben. Wer vermag dies schon zu beurteilen, gibt es doch keinen standardisierten Wertekanon oder festgeschriebene Bewertungskriterien. Doch sagte schon Johannes Brahms über die Chaconne „Hätte ich das Stück machen, empfangen können, ich weiß sicher, die übergroße Aufregung und Erschütterung hätten mich verrückt gemacht.“ Mich hat diese Erfahrung nicht kaltgelassen. Die reine Konzentration auf die Musik hat mir Gänsehaut verschafft und ein Gefühl der absoluten Entspannung aber auch Faszination. Bachs Lebenswerk wird nicht umsonst als „ideale Musik“ bezeichnet.

Oftmals wirkt die Menschheit im Jahr 2018 besonders gehetzt, gestresst und rastlos. Vielleicht kann uns Musik aus dem 18.Jahrhundert dabei helfen, wieder bewusst zu konsumieren und das was wir gerade tun auch bewusst wahrzunehmen. Völlig egal, ob diese nun aus der Feder von Johann Sebastian Bach stammt oder von anderen Granden der Klassik wie Beethoven, Mozart, Schubert oder Handel.  Einen Versuch ist es wert.

Ey Mann, wo is‘ mein Auto?

Ein Stadt ohne Autos – nur reine Utopie oder doch ein realistisches Szenario?

Wäre dies ein Podcast, so würde ich euch bitten kurz die Augen zu schließen und mich auf eine Reise in eine unbekannte Welt zu begleiten. Da es sich hierbei aber um einen Blog handelt und es wissenschaftlich erwiesen ist, dass es sich mit offenen Augen leichter liest, bitte ich euch mir in diese Fiktion mit offenen Augen zu folgen. Stellt euch bitte das folgende Szenario mit Hilfe eures bildlichen Auges vor. Es ist ein lauer Sommerabend, ihr seid nach Feierabend auf dem Weg eure Freunde zu treffen und die Sonne färbt den Horizont bereits tiefrot. Ihr schwingt euch auf das Fahrrad um zum Treffpunkt am Sendlinger Tor in München zu gelangen, um noch etwas die frische Luft und die Ruhe dort zu genießen. Spätestens hier sollten dem oder der Ersten Zweifel an der Geschichte aufkommen. Ruhe und frische Luft am Sendlinger Tor genießen? Befindet sich dort nicht gerade nach Feierabend eine der meistbefahrenen Straßen des Münchner Zentrums? Alles richtig und doch falsch. Denn wir befinden uns nicht im München des Jahres 2018, sondern in einer Utopie. Der autofreien Stadt.

Der Klimawandel ist real

Die vergangene Dekade der Jahre 2000 bis 2009 war das wärmste Jahrzehnt seit langem. Die Häufigkeit von Temperaturextremen steigt und alle Temperaturrekorde der letzten Jahrhunderte traten nach dem Jahr 2000 auf. Die mindestens ebenso relevanten Ozeantemperaturen steigen kontinuierlich, während die weltweiten Permafrostgebiete schrumpfen. Unsere Gletscher verlieren seit Jahrzehnten an Masse, weil die Oberflächentemperatur auf der Erde deutlich gestiegen ist. Mit anderen Worten: der Klimawandel ist real.

Das Auto und der Individualverkehr mit Verbrennungsmotor sind sicherlich einer der Hauptgründe und Verursacher des Klimawandels, wenn auch nicht der einzige Grund. Allerdings sind die Gesundheitsschäden für den Menschen bereits heute real. Nach einer Studie der Organisation Environmental Health Analytics sterben jährlich weltweit 107.000 Menschen durch Dieseabgase, 38.000 davon wegen nicht eingehaltener aber von den Automarken angegebener Abgaswerte. Allein in der Europäischen Union sterben 11.400 Menschen, weil die Autos in Wirklichkeit mehr Abgase ausstoßen als erlaubt. Damit fallen auch in Deutschland mehr Menschen den Autoabgasen zum Opfer, als bei Autounfällen sterben. Neben der Luftverschmutzung führt der Stadtverkehr auch zu Lärm und damit verbundenen Schlafstörungen der Anwohner. Wer täglich im Berufsverkehr im Stau steht kann sicherlich auch von erhöhten Stresspegeln berichten. Warum also nicht unsere Städte autofrei gestalten?

In seiner Bergpredigt warnte Jesus vor den Wölfen im Schafspelz

All diese Probleme sollten uns vor Augen führen, dass es mit kleinen Korrekturen keine weitreichenden und erfolgreichen Veränderungen geben wird. Es reicht leider nicht den Drecksschleudern in der Marketingabteilung so griffige Namen wie BlueTec oder EfficientDynamics zu geben. Emmissionen bleiben Emmisionen und sind schädlich, egal wie diese heißen. In seiner Bergpredigt warnte Jesus vor den Wölfen im Schafspelz: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig sind sie aber die reißenden Wölfe“ (Mt 7,15) Wenn wir gerade von Wölfen sprechen, Volkswagen hat übrigens im Jahr 2017 seinen Nettogewinn verdoppelt und damit ein Rekordergebnis erzielt. Ehrlichkeit zahlt sich eben aus.

Der Virus Auto hat uns alle befallen!

Wir brauchen keine kleinen Veränderungen, sondern eine Revolution des Verkehrs! Die Zeit des umwelt- und gesundheitsschädlichen Individualverkehrs ist vorbei. Dafür braucht es den Mut und den Willen zur Veränderung jedes Einzelnen, denn der Virus Auto hat uns fast alle befallen. Laut Hermann Knoflacher, Verkehrsexperte der TU Wien, hat der Virus Auto sogar „unseren Verhaltenskodex, unser Wertesystem und die Wahrnehmung total umgekehrt“. Denn jeder kennt die Konsequenz seines Handelns, doch kaum jemand hinterfrage die Berechtigung. Ein erster Schritt wäre laut Knoflacher, die strikte Trennung von Auto- und Fußgängerzonen in der Stadt um Nicht-Autofahrern nicht ständig vorzuschreiben wo diese die Straße zu überqueren haben und wo nicht. Ich als Autor möchte hierbei betonen, dass es mir keinesfalls um die grundsätzliche Abschaffung des Autos oder des Individualverkehrs geht. In diesem Szenario handelt es sich lediglich um urbane Ballungszentren und Großstädte die aufgrund ihrer Infrastruktur den Wandel zur autofreien Stadt bewältigen können und aufgrund der Belastungen für Mensch und Natur auch langfristig müssen.

Wie könnten diese Städte aussehen fragt ihr euch?

Begeben wir uns also wieder gemeinsam auf unsere bereits begonnene Reise in die autofreie Stadt. Wie könnten diese Städte aussehen fragt ihr euch? Straßen werden einspurig zusammengeführt um Wege für Polizeikräfte und Rettungswägen frei zu halten und mit Genehmigung beispielsweise Handwerkern den Weg zu ebnen. Aspahlt- und Betonwüsten gehören der Vergangenheit an. Innerstädtische Parkflächen entstehen dort wo heute Parkplätze und mehrspurige Straßen das Stadtbild prägen. Anstelle von Tiefgaragen und Parkhäusern entsteht  längst überfälliger sozialer Wohnraum. Menschen bewegen sich wieder frei und ohne Angst vor gesundheitsschädlichen Abgasen wie Stickoxiden und Feinstaub. Auf gepflasterten Wegen spielen Kinder, beobachtet von ihren sorgenfreien Eltern. Pendler kommen mit dem Auto bis an die Stadtgrenze und steigen dann auf stark ausgeweiteten und kundenfreundlichen Nahverkehr um. Laut einer Studie des Bundesumweltministeriums überschreiten 50% aller Autostrecken nicht die Länge von sechs Kilometern. Eine Distanz die problemlos mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt werden kann. Auch ich gerate gerne in Rage wenn es um den öffentlichen Nahverkehr in deutschen Großstädten geht. Trotzdem muss festgehalten werden, dass dieser im internationalen Vergleich keine Schande ist und beruhend auf eigener Erfahrung definitv ausreicht um ohne Auto in der Stadt mobil zu sein.

All dies sei eine nie zu ereichende Utopie? Ein Hirngespenst? Eine Spinnerei eines jungen Mannes? Vielleicht alles richtig, und doch begann bereits im Jahr 2008 der Bau einer autofreien, CO2-neutralen und abfallarmen Stadt in den Vereinigten Arabischen Emiraten, welche in Zukunft 50.000 Menschen beherbergen soll. Wir können nicht einfach immer so weiter machen wenn uns die Gesundheit unserer Selbst sowie der kommenden Generationen wichtig ist. Jede Revolution hat irgendwo ihren Anfang. Man wird ja wohl noch träumen dürfen.

Sauft den Scheiß doch alleine!

Generation Coffee-to-go

Welchen gemeinsamen Nenner haben 40.000 Tonnen Plastikmüll und 13 Millionen Arbeitnehmer mit Burnout? Welches Utensil geht in Deutschland 320.000 mal pro Stunde über die Ladentheke und steht gleichzeitig als Synonym für unsere ausgebrannte und erschöpfte Leistungsgesellschaft? Womit kann ich der Umwelt einen saftigen Fausthieb ins Gesicht verpassen und im selben Moment der ganzen Welt auf Instagram zeigen, dass mir das auch noch völlig egal ist? Richtig – mit einem Kaffeebecher to go.

Soweit so bekannt und soweit den meisten egal.

Es dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein, dass Kaffebecher für unterwegs, oder auch Coffee-to-go Becher genannt, der Umwelt erheblichen Schaden zuführen. Da kaum Recyclingpapierfasern genutzt werden, müssen neue Bäume gefällt werden. Für den Kunststoffanteil im Becher, damit uns der 7€ teure Double-Vanilla-Chai-Pumpkin-Spice-Latte nicht über die Finger läuft, wird Rohöl verwendet. Dabei entstehen insgesamt CO2 Emissionen von jährlich circa 83.000 Tonnen. Viele der Becher landen auch nicht im Müll, sondern verschmutzen Straßen, öffentliche Plätze und die Natur. Soweit so bekannt und soweit den meisten egal. Der Begriff hierfür lautet übrigens Externalisierungsgesellschaft. Wir verlagern, oder betriebswirtschaftlich gesprochen outsourcen, unsere Probleme einfach in andere Regionen des Erdballs, vornehmlich auf die südliche Erdhalbkugel. Sollen sich doch die Inder, Brasilianer oder die Bewohner der Malediven mit Überschwemmungen, Erdrutschen und Wirbelstürmen hervorgerufen durch den Klimawandel rumschlagen. Wer dieses Verhalten näher verstehen will, dem sei das Werk „Neben uns die Sintflut“ des Soziologen Prof. Dr. Lessenich ans Herz gelegt. Weitere Ausführungen wären hier fehl am Platz.

Was für 1 Life!

Die Umweltbelastungen der Kaffeebecher sind aber nicht das einzige Übel, welches mir schon seit geraumer Zeit beim Gang über quasi jeden öffentlichen Platz Magenschmerzen beschert. Es ist auch insbesondere die Attitüde, welche mit den Coffee-to-go Bechern assoziiert und zur Schau getragen wird. Trotz technologischen Fortschritts, welcher selbstverständlich auch die Produktivität der Arbeitswelt zum Positiven hin verändert hat, arbeiten deutsche Arbeitnehmer statistisch gesehen heute mehr als im Jahr 2000. „Stress“ ist in aller Munde und das Gefährliche dabei: dieser wird noch nicht einmal als negativ angesehen. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass die natürliche Stressreaktion des Körpers auch positive Energie freisetzen kann. Beispielsweise bei der Flucht vor einem Säbelzahntiger oder einem ausgewachsenen Mammut. Alternativ kann dieser auch beim Hot-Yoga (Anm. des Autors: Vielleicht das nächste Thema worüber ich mich auslassen muss. Yoga bei 45 Grad, ganz ehrlich, ach egal…) abgebaut werden. Ganz im Gegenteil, gehört der Stress oder „Stress haben“ heutzutage zum guten Ton der Leistungsgesellschaft. Stress wird zum Statussymbol und zum Habitus einer Person. Er wird zur Schau gestellt und trägt zur Identifikation der eigenen Persönlichkeit dar. Ich habe Stress, also bin ich. „Na wie läufts bei dir in der Arbeit“ „Super stressig! Bei dir?“ „Ja auch!“. Was für 1 Life!

Nun stehen aber die „Gestressten“ vor dem Problem der fehlenden medialen Aufmerksamkeit ihrer Persönlichkeit. Wie also möglichst einfach den vollen Terminkalender und die extreme Wichtigkeit der eigenen Person zur Schau stellen? Wieder richtig – mit dem Kaffeebecher für unterwegs. Dass dabei der Kauf einer braunen Plörre aus einem Kaffeevollautomaten beim Bäcker oder einer großen amerikanischen Franchisekette im besten Falle für Konformität und sicherlich nicht Individualität steht, scheint dabei schwer zu begreifen zu sein.

Der Coffee-to-go Becher ist dabei Perversion in zwei Akten.

Kaffee war früher ein Luxusgut und der Konsum eben Dessen wurde zelebriert. Man denke nur an die alterwürdige Kaffeehauskultur Wiens oder die ersten Kaffehäuser im Istanbul des 16. Jahrhunderts. Ein Kaffee, egal in welcher Form, ist kein Grundnahrungsmittel, sondern ein Privileg und Luxusgut unserer westlichen und wohlhabenden Gesellschaft. Ein Kaffee lädt dazu ein sich mit Freunden an einen Tisch zu setzen und angehenehme Gespräche zu führen oder auch nur für ein paar Minuten bei einem Espresso in sich zu kehren und zu entspannen. Der Coffee-to-go Becher ist dabei Perversion in zwei Akten. Der Käufer dessen ignoriert nicht nur die Umwelteinflüsse dessen, sondern möchte auch Teil einer konformen Bewegung sein. Einer Bewegung der ewig Rastlosen und immer „Gestressten“, ein Teil derer die eben einfach keine Zeit haben, um sich für den Kaffeegenuss Zeit zu nehmen. Und überhaupt – Genuss, das ist doch nur etwas für Leute die keine Arbeit haben. Ich habe für mich selbst entschieden meine Zeit auf dieser Welt ist zu kurz um Kaffee aus Pappbechern im Gehen zu trinken. Außerdem möchte ich unsere Erde meinen Nachfahren auch nicht als Müllberg hinterlassen. Dafür verzichte ich gerne auf Instagramfotos mit Pappbecher, Armbanduhr und Autolenkrad. Wobei ich halt auch kein Auto habe…