Ein Nickerchen gegen das System

In vielen südlichen Ländern, besonders in Spanien, ist die Mittagsruhe, die Siesta, Teil der Alltagskultur. Selbst in den Metropolen Madrid oder Barcelona schließen viele Läden zwischen 14 und 17 Uhr und das öffentliche Leben auf den Straßen erlahmt. Üblicherweise ist die Mittagspause für viele Angestellte hier länger als in Deutschland und wird von einigen auch dazu genutzt, das Mittagessen mit einem kleinen Nickerchen ausklingen zu lassen, bevor es zurück an die Arbeit geht. Die meisten Deutschen haben vermutlich zuletzt im Kindergarten einen Mittagsschlaf gemacht und wer noch im Erwachsenenalter dieser Gewohnheit nachgeht, wird schnell verdächtigt. „Schaffe schaffe Häusle baue“ gilt hierzulande immer noch als gesellschaftlicher Imperativ und schlafen sollte daher sicher nicht auf der Agenda stehen. Nicht umsonst hat Max Weber Anfang des 20.Jahrhunderts den protestantische Arbeitsethos gerade für Deutschland beschrieben. Doch sollten wir nicht den Fehler machen,  die Siesta nur als romantische Folklore zu verstehen, denn sie ist viel mehr als das: sie ist eine kleine Form des Widerstands gegenüber den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft, ein Nickerchen mit subversivem Charakter. Denn in einer auf Wachstum und (Selbst-)Optimierung ausgerichteten Gesellschaft, in der jedes Individuum dazu angehalten ist, rund um die Uhr erreichbar zu sein und die Optimierungslogik auch in seinem Alltag zu implementieren, ist kaum eine Geste widerständischer als das Nichtstun.

Moderne Gesellschaften zeichnen sich durch Beschleunigung aus

Der französische Philosoph Gilles Deuleuze merkte bereits 1990, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, an, dass sich moderne „Kontrollgesellschaften“ durch einen „unbegrenzten Aufschub“ auszeichnen. Der Mensch als Humankapital ist zum lebenslangen Lernen genötigt, zur steten Steigerung des eigenen Marktwerts, was das zu führt, „dass man nie mit irgendetwas fertig wird“. Hartmut Rosa spricht in diesem Zusammenhang von „Beschleunigung“ als bestimmendes Charakteristikum moderner Gesellschaften. So streben moderne, kapitalistisch organisierten Gesellschaften nach „Reichweitensteigerung“. Das bedeutet, dass wir uns immer mehr Welt aneignen können, und das in einem immer größeren Tempo. Das gilt für den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang genauso wie für einen individuell-biographischen. Zur Erklärung wählt Rosa ein einfaches Beispiel. Im jungen Alter bewegt man sich in der Regel zu Fuß oder mit dem Fahrrad in einem überschaubaren Weltausschnitt, meist im eigenen Viertel oder Dorf, fort. Mit 16 folgt dann der Motorrad-, mit 18 der Autoführerschein, der es erlaubt, Stadt- und sogar Ländergrenzen zu überqueren und sich somit, in weitaus geringerer Zeit, mehr Welt anzueignen. Das lässt sich auch auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Während die Menschen früher Briefe versendeten und mit der Kutsche verreisten, kommunizieren wir heute in Echtzeit und jetten mit Billigfliegern durch die Welt. Dies hatte eine enorme Veränderung der Zeitstruktur zur folge: Die Welt scheint sich zu beschleunigen. Dieses Prinzip der Beschleunigung beruht dabei auf einem Paradox. Um den status quo zu erhalten, muss die Gesellschaft sich beschleunigen. Rosa nennt das „dynamische Stabilisierung“. Am eindrücklichsten ist dies im Falle der Wirtschaft: um das Wirtschaftssystem am Laufen zu halten und dafür zu sorgen, dass die Menschen in Lohn und Brot kommen, muss es wachsen. Wir sind also in unserem gegenwärtigen System gewissermaßen zur Beschleunigung, bzw. zur Reichweitensteigerung verdammt.

Schlaf wird zur Mangelware

Das Problem hierbei ist: das Prinzip der Reichweitensteigerung beruht auf Voraussetzung, die ihrerseits nicht oder nur in geringem Maße steigerungsfähig sind, wie die natürlichen Ressourcen der Erde oder die physische und psychische Belastbarkeit der Menschen. So überrascht es nicht, dass Diagnosen über Depressionen, Angststörungen und Burnout rapide zu nehmen. Das „erschöpfte Selbst“ (Alain Ehrenberg) ist längst zum Subjekt der „Müdigkeitsgesellschaft“ (Byung-Chul Han) geworden. Ähnliches beobachtet auch der amerikanische Kulturwissenschaftler Jonathan Crary, der in seinem Essay „24/7 – Schlaflos im Spätkapitalismus“ beschreibt, wie der Schlaf unter der Bedingung der Beschleunigung und Reichweitensteigerung unter Beschuss gerät. Schon das künstliche elektrische Licht in den ersten Fabriken der Industrialisierung ermöglichte die Ausweitung der Arbeitszeiten und dadurch einen enormen Anstieg der Produktivität. Gleichzeitig wurde damit aber der Schlafrhythmus und das Zeitgefühl der Menschen völlig auf den Kopf gestellt. Dieses Prinzip wird heute durch flexible Arbeitsverträge und die Möglichkeit des 24/7 Shoppings im Netz auf die Spitze getrieben.  Heute wird zu jeder Zeit produziert, konsumiert und kommuniziert. Die Unterscheidung zwischen produktiver Zeit und „Frei“-Zeit verschwimmt vollkommen. Nur im Schlaf sind wir vollkommen unproduktiv und daher ein „Ärgernis für die Dauerkonsumkultur“. Dennoch wird er zunehmend prekär. Verlängerte Geschäftszeiten, die Dauerbestrahlung durch Smartphones und Laptops und die Lichtverschmutzung durch ganztägig beleuchtete Werbereklamen in Großstädten rauben uns buchstäblich den Schlaf. Es ist paradox: auf der einen Seite hat die tatsächliche Arbeitszeit in den meisten Gesellschaften über die Zeit abgenommen, gleichzeitig nimmt die psychische Belastung durch Stress und Schlafmangel offenbar zu. Kein Wunder also, dass Ratgeberliteratur die Regale in Bahnhofskiosken füllt und die Menschen scharenweise in Yoga-Studios rennen. Das Bedürfnis nach – mit Rosa gesprochen – Entschleunigung ist groß. Achtsamkeitsseminare, bei denen die Teilnehmerinnen lernen (!) zu entspannen und runterzufahren, liegen im Trend. Seltsamerweise wird nur der Schlaf nicht kultiviert.

Genau deshalb ist die Siesta so wertvoll. Sie erlaubt uns, mitten am Tag, zumal zu einer Zeit, in der die meisten Menschen ihr biorhythmisches Tief haben, eine Pause einzulegen und Kraft für den verbleibenden Tag zu schöpfen. Dabei müssen wir uns keinesweges schuldig fühlen, weil wir unsere Verpflichtungen für ein paar Minuten ruhen lassen. Vielmehr sollten wir uns dabei als Rebellen fühlen. Denn mit einer Siesta entziehen wir uns für einen Moment der Logik der Beschleunigung und des Dauerkonsums: Das ist nicht nur gesund, sondern ein durchaus revolutionärer Akt: Schlafen gegen das System, wenn man so will.

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