Eine andere Bundesliga ist möglich

Gastbeitrag von Max Riegel

Maik Nöcker, Moderator bei Sky und Gründer des unfassbar guten Podcasts Fußball MML, hat vor einiger Zeit auf sport.sky.de einen Kommentar verfasst, in dem er den gegenwärtigen Zustand der Bundesliga anprangert. Da dieser Kommentar so gut ist, sollte er selbst gelesen werden. Eine Paraphrasierung würde ihm nicht gerecht werden. Witzbolde könnten nun anmerken, dass ein Kommentar zu wenig ist, um alles anzuführen, was schiefläuft. Aber die Situation ist zu ernst. Und Nöcker bringt diesen Ernst präzise auf den Punkt. Die Bundesliga droht im Hinterherhecheln der Premier League ihren – Achtung BWL-Sprech – Markenkern zu verlieren. Alles, was die Bundesliga einmal ausmachte, volle Stadien mit günstigen Tickets, tolle Ultra- und Fankultur, gelebte Identität und alles trotz in der Regel spannungsbefreitem Meisterschaftskampf, droht auf der Strecke zu bleiben, wenn Leute wie Rummenigge, der wirklich mal ein sehr guter Stürmer war, die Bundesliga dem globalen, gnadenlosen Raubtierkapitalismus zum Fraß vorwerfen wollen. Die Blendkraft der englischen Milliarden macht einige Entscheidungsträger in den Vereinen blind. Sie sehen nicht, dass die Premier League durch die bloße Imitation nicht eingeholt werden kann. Sie nehmen nicht wahr, dass Vereine wie PSG oder jetzt auch Man City in der Champions League massiv Probleme haben. Sie merken nicht, dass die Menschen, denen sie alles Verdanken, und das sind nicht die – hier eine Beschreibung Ihrer Wahl einfügen – in den VIP Logen und Aufsichtsräten. Aber wenn wir das alles nicht wolle, was wollen wir dann? Nöcker gibt einen Teil der Antwort, die hier zu Ende gedacht werden soll. Er fordert ein Manifest, ein Grundsatzprogramm, an das sich die Profivereine halten müssen, wollen sie die Lizenz für die Liga erhalten. Sie sollen Werte wie Fairness vorantreiben. Der Spielbetrieb soll nachhaltig konzipiert sein. Die Umweltbelastungen durch Verkehr und Müllproduktion auf ein Minimum reduzieren. Klare Sponsoring-Regeln. Welche Gründe gibt es, dass russische Erdölfirmen, Textilausbeuter und arabische Terrorunterstützer Werbung in der Bundesliga machen? Gut können sie nicht sein. Förderung der politischen Ultraszene, gerade jetzt, wo ein reaktionärer Zeitgeist sein Unwesen treibt, um gesellschaftliche Errungenschaften rückgängig zu machen. Und als letzten Punkt fordert Nöcker eine nachhaltige Jugendarbeit, mit mindestens einem Nachwuchsspieler pro Profikader. Wobei auch die Nachwuchsförderung problematisiert werden sollte, wie zuletzt der Artikel „Jagdfieber“ in der aktuellen Ausgabe der 11Freunde anschaulich darlegt. Nichtsdestotrotz: all diese Forderungen von Nöcker sind so richtig wie wichtig. Aber es gibt einen Begriff, auf den alles gebracht werden kann: Gemeinwohl-Ökonomie. Das ist nicht irgendein Hippiewort oder Tagträumerfantasie. Das ist jetzt schon gelebte Realität. Das ist unternehmerisches Handeln gedacht auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene. Die Wiedereinbettung der Ökonomie in das Soziale. Es gibt weltweit Firmen, größere und kleinere, die ihre Bilanzen nicht nur nach monetären Gesichtspunkten erstellen, sondern nach monetären und ökologischen und solidarischen und gerechten. Geld verdienen ja, aber nicht Geld verdienen um des Selbstzweckwillens.

Eine gemeinwohl orientierte Bundesliga?

Wäre das eine Vision für die Bundesliga? Eine gemeinwohlorientierte Bundesliga? Was spräche dagegen? Die Summen, könnte man anführen. Wie soll man Topspieler finanzieren, gerade jetzt, in dem ein Rekordtransfer höchstens eine Saison lang hält. Dem lassen sich zwei Dinge entgegenhalten. Erstens, wie lange soll das noch so gehen, dass Transfers im dreistelligen Millionenbereich getätigt werden. Glaubt wirklich ernsthaft jemand, dass das auf die Dauer gut geht? Zweitens, ist der Weihnachtsmann kein Osterhase und Profifußballer sind keine Nobelpreisträger. Aber das Klischee vom dummen Fußballer ist doch überholt. Es gibt Sportler wie Juan Mata, Per Mertesacker oder Kevin-Prince Boateng, die bewiesen haben, dass sie über den Gehaltscheck hinausschauen können. Eine gemeinwohlorientierte Liga für solche Spieler kann attraktiver sein, als ein hochdotierter Vertrag, der mit einer feinen Melange aus Blut und Erdöl aufgesetzt wurde. Diese Spieler setzten sich mit der Liga auseinander und würden ihre Werte leben. Spieler, die sich dann ganz bewusst für die Bundesliga entscheiden, einfach, weil sie das richtige tun wollen. Und ganz ehrlich: solche Spieler will man doch auch lieber sehen. Das Prinzip des Gemeinwohls kann dieser Abgrenzungspunkt zu allen anderen Ligen sein. Das, was die Bundesliga unvergleichbar macht und das, was die Bundesliga wieder bedingungslos liebenswert machen würde. Wer noch nicht komplett verdorben ist, muss das einsehen. Auch, wenn er mal ein sehr guter Stürmer war.

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