Sauft den Scheiß doch alleine!

Generation Coffee-to-go

Welchen gemeinsamen Nenner haben 40.000 Tonnen Plastikmüll und 13 Millionen Arbeitnehmer mit Burnout? Welches Utensil geht in Deutschland 320.000 mal pro Stunde über die Ladentheke und steht gleichzeitig als Synonym für unsere ausgebrannte und erschöpfte Leistungsgesellschaft? Womit kann ich der Umwelt einen saftigen Fausthieb ins Gesicht verpassen und im selben Moment der ganzen Welt auf Instagram zeigen, dass mir das auch noch völlig egal ist? Richtig – mit einem Kaffeebecher to go.

Soweit so bekannt und soweit den meisten egal.

Es dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein, dass Kaffebecher für unterwegs, oder auch Coffee-to-go Becher genannt, der Umwelt erheblichen Schaden zuführen. Da kaum Recyclingpapierfasern genutzt werden, müssen neue Bäume gefällt werden. Für den Kunststoffanteil im Becher, damit uns der 7€ teure Double-Vanilla-Chai-Pumpkin-Spice-Latte nicht über die Finger läuft, wird Rohöl verwendet. Dabei entstehen insgesamt CO2 Emissionen von jährlich circa 83.000 Tonnen. Viele der Becher landen auch nicht im Müll, sondern verschmutzen Straßen, öffentliche Plätze und die Natur. Soweit so bekannt und soweit den meisten egal. Der Begriff hierfür lautet übrigens Externalisierungsgesellschaft. Wir verlagern, oder betriebswirtschaftlich gesprochen outsourcen, unsere Probleme einfach in andere Regionen des Erdballs, vornehmlich auf die südliche Erdhalbkugel. Sollen sich doch die Inder, Brasilianer oder die Bewohner der Malediven mit Überschwemmungen, Erdrutschen und Wirbelstürmen hervorgerufen durch den Klimawandel rumschlagen. Wer dieses Verhalten näher verstehen will, dem sei das Werk „Neben uns die Sintflut“ des Soziologen Prof. Dr. Lessenich ans Herz gelegt. Weitere Ausführungen wären hier fehl am Platz.

Was für 1 Life!

Die Umweltbelastungen der Kaffeebecher sind aber nicht das einzige Übel, welches mir schon seit geraumer Zeit beim Gang über quasi jeden öffentlichen Platz Magenschmerzen beschert. Es ist auch insbesondere die Attitüde, welche mit den Coffee-to-go Bechern assoziiert und zur Schau getragen wird. Trotz technologischen Fortschritts, welcher selbstverständlich auch die Produktivität der Arbeitswelt zum Positiven hin verändert hat, arbeiten deutsche Arbeitnehmer statistisch gesehen heute mehr als im Jahr 2000. „Stress“ ist in aller Munde und das Gefährliche dabei: dieser wird noch nicht einmal als negativ angesehen. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass die natürliche Stressreaktion des Körpers auch positive Energie freisetzen kann. Beispielsweise bei der Flucht vor einem Säbelzahntiger oder einem ausgewachsenen Mammut. Alternativ kann dieser auch beim Hot-Yoga (Anm. des Autors: Vielleicht das nächste Thema worüber ich mich auslassen muss. Yoga bei 45 Grad, ganz ehrlich, ach egal…) abgebaut werden. Ganz im Gegenteil, gehört der Stress oder „Stress haben“ heutzutage zum guten Ton der Leistungsgesellschaft. Stress wird zum Statussymbol und zum Habitus einer Person. Er wird zur Schau gestellt und trägt zur Identifikation der eigenen Persönlichkeit dar. Ich habe Stress, also bin ich. „Na wie läufts bei dir in der Arbeit“ „Super stressig! Bei dir?“ „Ja auch!“. Was für 1 Life!

Nun stehen aber die „Gestressten“ vor dem Problem der fehlenden medialen Aufmerksamkeit ihrer Persönlichkeit. Wie also möglichst einfach den vollen Terminkalender und die extreme Wichtigkeit der eigenen Person zur Schau stellen? Wieder richtig – mit dem Kaffeebecher für unterwegs. Dass dabei der Kauf einer braunen Plörre aus einem Kaffeevollautomaten beim Bäcker oder einer großen amerikanischen Franchisekette im besten Falle für Konformität und sicherlich nicht Individualität steht, scheint dabei schwer zu begreifen zu sein.

Der Coffee-to-go Becher ist dabei Perversion in zwei Akten.

Kaffee war früher ein Luxusgut und der Konsum eben Dessen wurde zelebriert. Man denke nur an die alterwürdige Kaffeehauskultur Wiens oder die ersten Kaffehäuser im Istanbul des 16. Jahrhunderts. Ein Kaffee, egal in welcher Form, ist kein Grundnahrungsmittel, sondern ein Privileg und Luxusgut unserer westlichen und wohlhabenden Gesellschaft. Ein Kaffee lädt dazu ein sich mit Freunden an einen Tisch zu setzen und angehenehme Gespräche zu führen oder auch nur für ein paar Minuten bei einem Espresso in sich zu kehren und zu entspannen. Der Coffee-to-go Becher ist dabei Perversion in zwei Akten. Der Käufer dessen ignoriert nicht nur die Umwelteinflüsse dessen, sondern möchte auch Teil einer konformen Bewegung sein. Einer Bewegung der ewig Rastlosen und immer „Gestressten“, ein Teil derer die eben einfach keine Zeit haben, um sich für den Kaffeegenuss Zeit zu nehmen. Und überhaupt – Genuss, das ist doch nur etwas für Leute die keine Arbeit haben. Ich habe für mich selbst entschieden meine Zeit auf dieser Welt ist zu kurz um Kaffee aus Pappbechern im Gehen zu trinken. Außerdem möchte ich unsere Erde meinen Nachfahren auch nicht als Müllberg hinterlassen. Dafür verzichte ich gerne auf Instagramfotos mit Pappbecher, Armbanduhr und Autolenkrad. Wobei ich halt auch kein Auto habe…

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