Muss ich jetzt Hockeyfan werden und warum verfolge ich eigentlich noch Profifußball?

Vom alltäglichen Leid eines Fußballfans im Jahr 2018

Liebe und Hass sind zwei gesellschaftlich oftmals überstrapazierte Begriffe. Um unseren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, greifen wir auch in Alltagssituationen nur allzu gerne zu diesen Extremen. Trotz alledem umschreibt Liebe genau das was der Fußball für mich und viele andere Fußballfans in Deutschland darstellt. Allerdings fühle ich mich in letzter Zeit immer häufiger wie in einer Beziehung die sich in ihren letzten Akten befindet. Der Zauber vom Anfang der Beziehung ist längst verflogen und die Schmetterlinge im Bauch fühlen sich eher an wie Tritte in die Magengegend. Wie am gefühlten Ende jeder Beziehung muss man sich fragen: Lohnt es sich noch füreinander zu kämpfen oder gehen wir lieber getrennte Wege?

Der Fußball und ich, es war Liebe auf den ersten Blick.

Noch sehr genau erinnere ich mich an das Aufflammen meiner Liebe zum Fußball. Mein Großvater, ein Bayer wie er im Buche steht, wollte schon früh auf Nummer sichergehen, dass aus mir ein roter und kein blauer Münchner wird. Im Alter von circa sechs oder sieben Jahren war ich stolzer Besitzer meines ersten Bayerntrikots und kurz darauf Mitglied des Vereins. Spätestens als bei meinem ersten Fußballspiel live vor Ort, einem grandiosen 0:0 im Olympiastadion gegen den AC Sparta Prag, Carsten Jancker aus drei Metern nur die Latte traf, war es um mich geschehen.  Der Fußball und ich, es war Liebe auf den ersten Blick. Die Bundesliga war noch gespickt mit Charakteren wie Mario Basler, Stefan Effenberg oder Andy „Die Jahrhundertschwalbe“  Möller und an der Seitenlinie standen, beobachtet vom Zigarre rauchenden Rudi Assauer, Otto Rehhagel und Giovanni Trapattoni. Viererkette gab es maximal an der Theke, Blutgrätschen gehörten zum guten Ton und „hoch und weit bringt Sicherheit“ war nicht nur in der Kreisliga die Taktik der Stunde. Die Leidenschaft war geboren und sollte auf lange Zeit nicht minder werden.

Die Jahre vergingen und der deutsche Fußball befreite sich vom Image des Rumpelfußballs. Die deutsche Nationalmannschaft und die Weltmeisterschaft im eigenen Land entfachte eine neue Euphorie und der Sport modernisierte sich. Eine gern gesehene Entwicklung. Schon zu dieser Zeit kaufte im Jahr 2003 ein russischer Oligarch namens Roman Abramowitsch den englischen Verein Chelsea London und revolutionierte den Fußball. Auch schon vor dieser Zeit verdienten Fußballer Millionen und die Transferausgaben waren stetig gestiegen. Allerdings veränderte der Kauf eines ganzen Vereins nicht nur auf der Insel einiges. Über die Jahre wurde insbesondere in der englischen Premier League das Aufkaufen ganzer Vereine zum Volkssport für arabische Scheichs, südostasiatische Milliardäre und russische Ölmagnaten. Als selbst ein kleiner Turnverein aus dem Süden Münchens zu großen Teilen in die Hände eines jordanischen Investors fiel, war es dahin mit der Tradition und den ehrlichen Werten des Fußballs.

Gilt auch heute noch Brot und Spiele für den Pöbel wie im alten Rom?

Der Wahnsinnstransfer von Neymar Jr. vom FC Barcelona zu Paris Saint Germain stellt hierbei nur die Kirsche auf dem Eisbecher dar der sich Fußball nennt. Für die Gesamtkosten des Transfers von geschätzten 700 Millionen Euro könnten alternativ 20.825 Krankenpfleger ein Jahr lang in Deutschland bezahlt werden. Sind diese Kosten noch gerechtfertigt, nur für die Unterhaltung der Zuschauer? Gilt auch heute noch Brot und Spiele für den Pöbel wie im alten Rom?

Die Transferausgaben und Millionengehälter sind lediglich ein Teil des erodierenden Systems Fußball. Korruption bei der Vergabe von Großereignissen wie der Weltmeisterschaft, steigende Spiel- und Wettmanipulationen, unzureichende Dopingtests, den Markt nach Belieben diktierende Berater und Spielerverträge die nicht das Papier wert sind auf dem sie gedruckt sind. Spieler mit Millionengehältern hinterziehen geschickter Steuern als korrupte Politiker oder Konzernchefs. Ein Champions League Spiel von 90 Minuten ist heute hauptsächlich von theatralischem Verhalten bei Foulspielen sowie Gockel ähnlichem Auftreten der Protagonisten geprägt. Die Spieler der meisten Mannschaften sehen mit ihren Tattoos und martialischen Frisuren aus wie Kartellmitglieder aus Mexiko oder Kolumbien, gehen jedoch bei der kleinsten Berührung mit schmerzverzehrtem Gesicht zu Boden. Um diesen Wahnsinn nicht mehr verfolgen zu müssen, haben sich die Anbieter sky und dazn ab der Saison 2018/2019 auf einen Verteilungsschlüssel der Champions League Spiele geeignet, welcher die Relativitätstheorie von Albert Einstein wie einen Mathematiktest aus der 1.Klasse erscheinen lässt. Doch statt Funktionäre, Trainer und Spieler mit diesen Themen zu konfrontieren, konzentrieren sich Sportjournalisten bei den gängigen TV-Sendern lieber darauf sich nach den Frühstücksgewohnheiten der Nationalmannschaft zu erkunden oder den Psychologie-Grundkurs an der Universität mit eloquenten Fragen nach dem Gemütszustand nach Siegen oder Niederlagen nicht nutzlos erscheinen zu lassen. Der Sport mag momentan jeder Kritik erhaben sein und sich auf dem Höhepunkt der finanziellen Macht befinden. Allerdings sehen wir schon heute die Vorboten des Niedergangs. Sinkende Zuschauerzahlen, rückgängige Einschaltquoten aufgrund akuter Reizüberflutung und steigende Fanproteste, nicht erst zuletzt in Zusammenhang mit den Montagsspielen in der Bundesliga. Die größte Macht des Fans besteht sicherlich in seiner reinen An- bzw. Abwesenheit. Die Proteste im Zuge der neuangesetzten Montagsspiele in der Bundesliga waren ein wichtiger Beitrag und ein klares Statement der Fans. Als beim Heimspiel des BVB gegen den FC Augsburg an einem Montag mehr als 25.000 Zuschauer das Spiel boykottierten und zu Hause blieben war das Stadion so leer wie seit 22 Jahren nicht mehr. Das Fass scheint langsam voll zu sein oder wie Bernd Stromberg, Stellvertretender Leiter der Schadensregulierung der Capitol Versicherung, zu sagen pflegte: „Aber auch mein Fass hat Grenzen. Ja, wenn’s da stetig reintropft, dann is irgendwann der Boden raus, is doch klar!“

Was ist es, dass den Fußball im Innersten zusammenhält?

Unruhig auf seinem Sessel am Pulte saß Faust und wollte nichts sehnlicher als „Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Was ist es, dass den Fußball im Innersten zusammenhält? Ist es die von Ultragruppierungen so hochgehaltene Tradition des Fußballs? Ist es der Zusammenhalt von Fans und Spielern? Ist es die Inklusion über Gruppierungen hinweg unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität oder Alter? Ist es die Freude am Spiel? Vermutlich ein bisschen von alledem. Insbesondere ist es aber die Liebe zum Fußball, welche uns immer wieder an Samstagen ins Stadion oder vor den Fernseher treibt. Als vor kurzem völlig überraschend der 31-Jährige Mannschaftskapitän des AC Florenz Davide Astori im Schlaf verstarb, zeigte der Fußball wiederum seine unglaubliche Kraft. Bei der Trauerfeier erschienen tausende Fans auf dem Vorplatz der Kirche in Florenz. Fangesänge wurden angestimmt, Schals in die Höhe gehalten, Fahnen geschwenkt und Bengalos in Vereinsfarben gezündet. Ein ergreifendes Bild, welches auch Menschen nicht kalt lässt, die den Fußball ansonsten nicht verfolgen.

Fußball ich kann dir sagen du machst es mir schwer und ich hadere mit dir jeden Tag, bei jedem Spiel und mit jeder Faser meines Körpers. Aber du bist es verdammt nochmal wert um dich zu kämpfen.

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